Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde Berg am Starnberger See

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09.01., 06.02., 06.03.
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Ort und Uhrzeit im Gemeindebrief


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30.01. 13.03., 24.04.
und 09.10.2017

jeweils Montag, 20.00 Uhr


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10.03., 07.04., 12.05., 02.06., 30.06.

  jeweils Freitag, 20.00 Uhr


 





Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde Berg am Starnberger See

Ich glaube an nichts, oder? glauben – wissen – zweifeln

„Was kann Religion?“ Beitrag von Johannes Habdank
beim interdisziplinären Symposium des Kulturvereins Berg
„Ich glaube an nichts, oder? glauben – wissen – zweifeln“
am 8.November 2014 im Rittersaal Schloß Kempfenhausen, Berg

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kulturfreunde der Religion,
„Was kann Religion?“ ist der Titel meines Vortrags. Ich beginne mit:
 

  1. Was kann Religion nicht? Was braucht sie nicht mehr zu können?
    Ich erläutere das anhand des Themas: Erklärung der Entstehung der Welt.
    Durch die Entstehung einer neuzeitlich-modernen mathematisch-technisch orientierten Naturwissenschaft, insbesondere durch die wissenschaftliche
    Kosmologie sind alte Schöpfungsmythen wie der sog. Schöpfungsbericht und die Paradiesgeschichte der Bibel ihrer dogmatisch-kosmologischen bzw. –kosmogonischen Geltungs- und Überzeugungskraft benommen worden. Der Astrophysiker Stephan Friedrich schreibt in einem Resümee zur Entwicklung der neuzeitlichen Kosmologie: „Die Entstehung des Universums durch den Urknall gilt als gesichert. Es macht aber bescheiden, wenn heute immer noch nicht bekannt ist, woraus sich 96 % des Universums zusammensetzen. Schon Shakespeare wusste: There are more things in heaven and earth than are dreamt of in your philosophy.” Soweit ein Astrophysiker, der um die Grenzen seines Fachs weiß. Jede Wissenschaft sollte ihre Grenzen kennen, auch die Theologie und die Kirchen.
    Wenn die moderne Kosmologie zum Ergebnis kommt, dass das Universum durch Urknall und nicht durch göttliches Schöpfungshandeln in sechs Tagen entstanden ist, dann kann man die kirchentheologischen Reaktionen darauf so typisieren:

    • Traditionalistische bzw. fundamentalistische Ablehnung und damit
    prinzipielle Verweigerung der Einsicht in die moderne naturwissenschaft-liche Denkweise mit der Folge etwa, die Evolutionstheorie als Lehrstoff aus den Schulen verbannen zu wollen (einige US-Staaten).

    • Anerkennung einer relativen Selbstständigkeit der Wissenschaften, mit dem Vorhaben, sie doch irgendwie zu reintegrieren, da die Religion die Einheitsstiftungsfunktion für alle Lebensbereiche habe (ohne moralischen Zeigefinger), so z.B. Prof. Anselm, Systematik und Ethik, München.

    • Anerkennung der naturwissenschaftlichen Denkweise und Ergebnisse, Rückzug aus dem Thema Kosmologie und Neudefinition von „Was heißt Schöpfungsglaube?“.

    Diesen letzteren Weg hat bereits Schleiermacher vor 200 Jahren beschritten und die Frage so beantwortet: Schöpfungsglaube ist das individuelle Bewusst-sein einer letztlichen Abhängigkeit seiner selbst und alles Endlichen von Gott. Das Individuum begreift im Schöpfungsglauben seine konkrete Endlichkeit zugleich als Ausdruck der Endlichkeit der Welt.
    Dass diese Sorte von Schöpfungsfrömmigkeit nicht mehr viel zu tun hat mit den traditionellen Weltentstehungsvorstellungen der Bibel, liegt auf der Hand. Es liegt daran, dass unter neuzeitlichen Bedingungen prinzipiell unterschieden werden muss zwischen wissenschaftlicher Erklärung und religiöser Sinndeutung.

    Mit dieser Umformung der Schöpfungsvorstellung in eine modernitätsverträg-liche Neufassung ist die Naturwissenschaft aus der kirchlich-theologischen Bevormundung befreit. Und Theologie und Kirche sind auf ihr eigentliches Thema verwiesen: die Religion. Sie ist damit zugleich zu sich selbst befreit. Voraussetzung für den Prozess der Differenzierung wissenschaftlicher und religiöser Perspektive ist neben der naturwissenschaftsgeschichtlichen Entwicklung die Entstehung eines neuzeitlichen Religionsverständnisses.
     
  2. Zur Entstehung des neuzeitlichen Religionsbegriffs
    Der neuzeitlich-moderne Religionsbegriff findet keine Äquivalente in der Religions- und Geistesgeschichte seit der Antike noch gibt es Vergleichbares in anderen Religionen heute. Biblisch kommt ein Religionsbegriff nicht vor. Und Religio, der lateinische Ausdruck, kommt aus der römisch-hellenistischen Philosophie und bezeichnet eine Verhaltensweise, mit der man einer göttlichen Instanz gegenüber heilige Scheu, Ehre und feierlichen Dienst bezeugt. Als das Christentum römische Staatsreligion wird, adaptiert es diesen römischen Religionsbegriff, der sich wesentlich auf frommes Verhalten im Leben und vor allem auf Kult bezieht.

    Die Reformation erst ist der Auslöser für die Entwicklung des neuzeitlichen
    Religionsbegriffs, und zwar mit dem, was wir heute „Luthers subjektive Wende“ nennen. Dabei sind zwei gedankliche Unterscheidungsleistungen grundlegend, zum einen: Luther unterscheidet zwei Arten des Glaubens: fides historica, der geschichtliche Glaube, womit die biblisch-christliche Heilsgeschichte als Gegenstand des Glaubens gemeint ist; sie hat damals objektiven Tatsachen- und Wahrheit-status. Wer daran Zweifel hatte, wurde verketzert. Nicht diese fides historica, sondern die fides apprehensiva, der individuell aneignende Glaube - und das ist revolutionär - war aber für Luther entscheidend. Das kann man sich an seinem Dictum über den biblischen Spruch „Gott ist die Liebe“ klar machen: „Was nützt es mir, wenn Gott die Liebe ist - und er ist es aber mir nicht?“

    Die andere, bis heute grundlegende Unterscheidung ist die von religiösem Individuum und Kirche. Die maßgebliche Instanz der Glaubensvermittlung ist nicht mehr die Kirche, sondern ist letztlich der Einzelne. Sein Gewissen ist für Luther der humane Ort des Gottesverhältnisses, auch gegenüber der Kirche. Als sichtbare Institution ist sie nicht besser als jede andere weltliche Organi-sation. Vernunft und Gewissen werden zum Maßstab der Religion.
    Infolge der Reformation kommt es zur Ausdifferenzierung in verschiedene christliche Konfessionen. Der christliche Glaube in konfessioneller Form verliert an gesellschaftlicher und politischer Integrationskraft.

    Seit dem Augsburger Religionsfrieden (1555) und dem Westfälischen Frieden (1648) gibt es eine Mehrzahl von christlichen Konfessionen und „Religions-parteien“. Vor diesem Hintergrund avanciert der übergreifende Allgemeinbegriff Religion zum Zeichen und zur Grundlage für die Überwindung konfessioneller Differenzen in Deutschland und Europa. „Religion“ ist also allgemein- und kulturgeschichtlich gesehen ein christlicher Begriff, der zur Reflexion auf die eigene ausdifferenzierte Zustandswahrnehmung und Geschichte gebildet wurde, um Einheit zu wahren und wiederherzustellen.
    Im Verlauf der Neuzeit entwickelte sich der Begriff zu einer anthropologischen Universalkategorie, die nicht nur die binnenchristlichen Unterschiede, sondern auch die anderen Unterschiede umgreift: zwischen Christentum und den nichtchristlichen Religionen.

    Die Verallgemeinerungstendenz des Religionsbegriffs kann dann später sogar soweit gehen, dass selbst der Atheismus als eine Spielart von Religion ver-standen wird, weil er ja auch mit irgendwelchen höchsten Werten oder letzten Positionen arbeitet. (Der Atheist sagt auch: „Religion kann … – mich mal.“)

     
  3. Grundzüge eines neuzeitlichen Religionsverständnisses – zwischen Dogma und Moral
    Das neuzeitliche Religionsverständnis ist seit der Aufklärungszeit einerseits strukturell auf das fromme Individuum zugeschnitten, gleichwohl überindividuell und allgemein gemeint. Religion wird als Sache der Seele konzipiert, lebt wesentlich in Gefühl und Empfindung Gottes. Ihr höchster Zweck sei, den Menschen gut und glücklich zu machen. Das soll Religion bezwecken – das kann Religion!? In der Aufklärungszeit geht es vor allem um die praktische Abzweckung der Religion, Religion ist Funktion von Moral. Während hingegen vor der Aufklärung die christliche Religion stärker dogmatisch geprägt war. Mit der Aufklärung tritt das Christentum in sein ethisches Zeitalter ein (Rendtorff).

    Der Theologe, Philosoph und Pädagoge Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher (1765-1834), beschreitet einen Mittelweg zwischen Dogma und Moral, wenn er sagt: „Die Frömmigkeit (Religion) an sich ist weder ein Wissen noch ein Tun, sondern eine Neigung und Bestimmtheit des Gefühls.“ Religion als tragende, wenn auch oft unbewusste Dimension menschlicher Welt- und Selbstreflexion .

    Schon früher formuliert Schleiermacher in seinen Reden „Über die Religion“: Religion ist „Sinn und Geschmack für´s Unendliche“: auch da ist Religion weder ein Wissen noch ein Tun, sondern ist ein selbstständiges Seelenvermögen im Menschen, das man weder in Moral und Praxis auflösen kann, noch in Theorie oder philosophische Spekulation aufheben (Hegel).

    Wesentlich ist für ein solches modernes Religionsverständnis, dass die sprach-lichen und ästhetischen Ausdrucksgestalten des Glaubens als Artikulationen von etwas angesehen werden, das eigentlich vorsprachlich ist und im Gemüt sich regt und da ist. Mit der Konsequenz, dass alle Ausdrucksgestalten dieses vorsprachlichen religiösen Rückgebundenseins auch geschichtlich und bio-grafisch jederzeit veränderbar sind; das heißt: sämtliche Ausdrucksgestalten religiöser und auch kirchlicher Art sind jederzeit veränderbar, reformierbar und im Fluss zu halten.
    Wegen dieses seines revolutionären Programms, das die Subjektivität des Einzelnen zum Maßstab von Glaube und Kirche macht, gilt Schleiermacher als der maßgebende nachreformatorische, neuzeitliche Reformator von evange-lischer Theologie bis heute.
     
  4. Aspekte eines modernen Religionsverständnisses im 20. Jahrhundert
    Die heute bekannteste Religions-Definition stammt von Paul Tillich, der sagt: Religion ist der Umgang mit dem, „was uns unbedingt angeht“. Danach geht es in der Religion um die letzten Bedingungen unserer Existenz, um das, was uns in und hinter unserem Alltagsleben unbedingt angeht, um Lebenssinndeutung im Horizont von Letztgültigem. Das würde so kein Gläubiger formulieren. Aber es ist eine gute Außenbeschreibung des Glaubens, der Religion. Und das haben alle religionstheoretischen Entwürfe der Neuzeit gemeinsam:
    sie konzipieren eine Außensicht, ein funktionales Verständnis von Religion, indem sie deren Wesen, Funktion, Lebensbedeutung und gesellschaftliche Aufgabe thematisieren. Auch die Religionssoziologie des 20. Jahrhunderts bedenkt die gesellschaftliche Funktion von Religion, auch der Religion außerhalb der Kirche. Die frei flottierende Religion wird positiv entdeckt und thematisiert: etwa mit Luckmanns Konzept der „Unsichtbaren Religion“, der Civil Religion, die auch in vielen öffentlichen Vollzügen in Erscheinung tritt, dazu gehört etwa die emphatische Berufung auf gemeinsame Werte bei wich-tigen Politik-Anlässen. Oder denken Sie an die Definition des Züricher Philo-sophen Lübbe, wonach die Religion es mit den Kontingenzen des Lebens zu tun hat. „Kontingenz“ meint die prinzipielle Offenheit und Ungewissheit mensch-licher Lebenserfahrungen. Lübbe sagt: „Religion ist Kontingenzbewältigungs-praxis handlungs-sinntranszendenter Kontingenzen.“ Das heißt: Religion ist für die schlimmsten Abstürze des Lebens, den Tod oder die Trennung zuständig, nicht nur mit Trost, sondern sie ermöglicht das Umgehen mit solchen Kata-strophen überhaupt. Das ist Funktion der Religion, das kann Religion.
    Viele Autoren der Gegenwart setzen mit ihrem Religionsverständnis voraus und zeigen, dass entgegen der verbreiteten Meinung von der Abschaffung der Religion durch Wissenschaft, politische Ideologien oder Säkularisierung Religion heute mitnichten im Verschwinden ist. Nein, Religion blüht allerorten, treibt auch oftmals die seltsamsten, auch abscheuliche Blüten, in allen Welt-religionen und Sondergruppierungen (Sekten). Religion wird auf die eine oder andere Weise praktiziert, oft ganz persönlich und privat. Und zwar im christen-tumsnahen Bereich durchaus in Abgrenzung zu kirchlich geprägter Religion, ja sogar ohne jede Kenntnis von ihr. Stichworte sind etwa New Age, Esoterik-Boom, Okkultismus, Soft-Buddhismus für hart-gesottene westliche Kapitalisten am Wochenende im japanisch gestylten Garten zur Nervenstärkung – aber auch offen oder vielfältig unterschwellig in Film und Fernsehen virulent werden-de Religiosität gibt es, im Internet, auch strukturell latent vorhandene Religion: in Kunst, Musik und Theater, Literatur. Überall kann man zumindest Valenzen des Religiösen, auch des Christlichen, in einer freien Interpretation aufspüren!

    Ja, es sind so viele Angebote an Religion und Bedarf nach Religion in unserer Gesellschaft zu entdecken – und man kann sich ja auch zu Hause sehr vieles im privaten Umfeld „reinziehen“: der Fernseher ist eine Art Kanzel im Wohn-zimmer geworden, rund um die Uhr: Unterhaltung, Werbung, Filme, Talkshows usw. – da gibt es viele zumindest verkappt religiöse Lebensmuster- und
    -deutungsangebote – Religion hat allerorten Hochkonjunktur!
    Und was machen die Kirchen daraus? Gehen sie darauf ein? Halten Sie mit? Wie wahrnehmungsoffen sind die Kirchen, wie lernbereit? Also den Spieß einmal umgedreht! Nicht: wie kirchlich-christlich ist unsere Gesellschaft – sondern: wie steht es eigentlich um die Kirche selber? Wie modernitätsfähig ist sie in der Wahrnehmung der auch nicht genuin kirchlich-religiösen Potenziale? Wie religionsfähig ist die Kirche? (Drehsen) Was hat sie mir als vielleicht nicht so wahnsinnig binnenkirchlich Gebundenem zu sagen?
    So fragt heute verständlicherweise jedes selbst denkendes Individuum auf kirchlicher Halbdistanz: was hat mir die Kirche zu sagen? Und nicht umgekehrt: wie werde ich der Kirche möglichst gerecht. Das Verhältnis zwischen Institution und Individuum hat sich längst umgekehrt, in allen gesellschaftlichen Bereichen. In der Theologie (nicht in der Kirche) hat man das schon ziemlich früh gesehen. Und jedes aufgeklärte, moderne Religionsverständnis sieht den Unterschied von aktuell empfundener Religiosität des Einzelnen und jeweils vorhandener Institution mit ihren offiziellen Lehrmeinungen recht klar.

    Dieses Spannungsverhältnis von individueller Religion und ihren institutionell und sozial verfestigten Formen hat klassisch und ungeschminkt der Theologe Ernst Troeltsch schon vor 100 Jahren so beschrieben: „Die gebildete Laienwelt hat, soweit sie am Christentum hängt, in Wahrheit eine Religion ohne Kirche und Kultus, ein Christentum des Geistes und der Gesinnung, der humanitären Tat und völlig individueller Zurechtlegung des religiösen Gedankengehaltes.“ Was das Verhältnis dieser freien Religion, die in der Gesellschaft vielfach vorhanden ist, zur Institution Kirche betrifft, dazu sagt Troeltsch: „An und für sich ist die Religion (…) der direkte Gegensatz gegen die feste Form der Kirche. Die Religion ist flüssig und lebendig, jederzeit durch unmittelbare Berührung aus Gott schöpfend, höchst innerlich, persönlich, individuell und abrupt.“ Diese Unmittelbarkeit des Religiösen setzt die gelebte Religion in den Gegensatz zu jedweder institutionellen Form, zu jeder Art von Kirche. Und die Kirche hat auf Dauer nur eine Chance, diesen Gegensatz positiv zu bewältigen, wenn sie permanent selbstkritisch bleibt und sich weiterentwickelt im Blick auf die freigeistige, frei flottierende Religion, undogmatisch offen und sensibel für Gegenwärtiges.

    Vor diesem kirchenkritischen Hintergrund und angesichts eines extrem indivi-dualisierten Religionsverständnisses heißt damit die Frage heute: Was ist Religion für mich, was kann sie für mich leisten? Diese Frage ist in den letzten Jahrzehnten zunehmend biografisch zugespitzt worden: Was macht für mich in meinem Leben Sinn? Was kann sie mir ganz persönlich in meiner jetzigen Lebensphase bringen, auch im Blick auf mein ganzes Leben?
     
  5. Religion als individuelle Lebensdeutung vor dem Letzthorizont
    Wilhelm Gräb schreibt in seinem Buch „Religion als Deutung des Lebens“: „Das Verlangen nach religiöser Kommunikation, nach Verständigung über Sinn, nach der Klärung der Frage, ob ein Sinn ist in allem, auch und gerade dann, wenn er sich in Erfahrungen des Absurden und Desaströsen uns zu entziehen scheint, bricht im Alltag unseres Lebens auf. (…) Dieser Alltag hat seine Kultur. In ihn sind die Deutungsmuster und Interpretationskategorien eingelassen, vermöge deren wir uns in der gewöhnlichen Welt orientieren. Sie lassen uns den Alltag so oder so sinnvoll erleben. Zum Alltag gehören die Sinnstrukturen, die unsere Vorstellung vom Leben und unsere Einstellung zum Leben formie-ren und prägen.“ Diese Sinnstrukturen sind - nach dem Kultursoziologen Gerhard Schulz - bei jedem Menschen unterschiedlich da: je nach Lebensalter, formalem Bildungsgrad, soziokulturellem Milieu und Lebensstil und alltags-ästhetischer Formation. Was ist darin jeweils sinnbindend und verpflichtend für den einzelnen Menschen, wo holt er sich seinen Sinn, seine Erlebniserfüllung, seine Orientierung im Alltag? Wo treten letzte Sinnhorizonte in Erscheinung für diesen Menschen? Darin ist nämlich die Religion des Einzelnen implizit im Leben enthalten. „Religion gehört so zur Alltagskultur, dass sie mit ihren Sym-bolen und Ritualen entscheidend am sinnhaften Aufbau der Alltagswelt beteiligt ist. Sie steht für den Sinn, den ihre Welt letzten Endes für die Menschen hat.“ Nicht alle Sinnpotentiale des Alltags haben religiöse Valenz, und nicht alle, die religiöse Valenz haben, sind dem einzelnen Menschen als solche bewusst. Die implizite Religion der Alltagskultur verlangt also in jedem Fall eine biografisch, subjektiv abgestimmt religiöse Deutungshilfe, so gewünscht.

    Es ist genau dies die Leistungskraft einer guten Religion, dass religiöse Lebensdeutung nicht mit einer fertigen Lösung (autoritär verwendete Bibel-sprüche, Moralanweisungen, Ratschläge o.ä.) aufwartet, sondern behutsam die vorhandenen Sinndeutungspotenziale des Einzelnen eruiert und gemeinsam weiter entwickelt, um die persönliche Sinndimension des Lebens aufzuhellen. Und dabei kommt es wesentlich darauf an, wie religiös artikulationsfähig oder wie bereit, religiös sprachfähig zu werden, das einzelne Individuum ist. Wie „religiös musikalisch“ (Max Weber) sind Sie selber? Denn letztlich ist Religion nicht die des Anderen, des Pfarrers, und was der oder jener sagt oder die Kirche oder irgendein Imam, sondern nur meine eigene Religion für mich, das ist entscheidend. Wie hältst Du selber es mit der Religion? Es geht um Ihre persönliche Lebensdeutung in Ihrer Religiosität.

    Und jeder ist in Religionsfragen mündig, auch in der Kirche, bei uns offiziell ab 14. Lebensjahr: ab dann ist jeder religionsmündig, und dazu erziehe ich meine Konfirmanden auch, so gut es geht – ich komme zum Schluss:
     
  6. Glaube und Zweifel
    Religion als persönliche Lebensdeutung im Letzthorizont, wie und wo auch immer sie mehr oder weniger stattfindet – wir kommen um das von Luther formulierte Problem und Tagungsthema nicht herum: Glauben oder Zweifeln? Religion, persönliche Religiosität, modisch auch „Spiritualität“ genannt, in welcher Fassung und Färbung auch immer, die Frage ist:
    Trägt denn die jeweilige Lebensdeutung, ob kirchlich induziert oder anderweitig religiös artikuliert, explizit - implizit, vielleicht auch eher dezent und skeptisch? Trägt sie Dich Einzelnen durchs Leben? Oder zweifelst du daran und lebst permanent auf unsicherer Basis? Für Luther war der Zweifel der erste, notwendige Schritt zum Glauben, zur persönlichen Lebensgewissheit. Es ist auch heute jedes Mal eine Überwindung, eine Selbstüberwindung und Selbst-zweifel-Überwindung, ob du dem Deutungsmuster traust, das deinen Zweifel überwinden könnte. Nicht jedes Sinndeutungs- und Antwortmuster taugt gerade dazu. Sieh dir die verschiedenen Sinnstiftungsangebote an. Wähle aus, was Du für am glaubwürdigsten hältst. Ohne Zweifel kein Glaube. Der Glaube ist das Vertrauen, auch ins Ungewisse hinein. Üben wir uns also in beidem! Im Zweifel und in seiner Überwindung. Was wir denken, wissen, aus Erfahrung zu wissen meinen, wissen, meinen und glauben, das ist lebenslang im Fluss! Bleiben wir neugierig und immer wach für Neues, solange wir können! Bleiben wir uns aber auch unserer menschlichen Erkenntnisgrenzen bewusst, über-schätzen wir uns nicht in Wissenschaft und Religion!

    Und damit komme ich am Ende zum Anfang meiner Ausführungen zurück. Der Astrophysiker sagt: „Es macht bescheiden, wenn auch heute immer noch nicht bekannt ist, woraus sich 96 % des Universums zusammensetzen. Doch schon Shakespeare wusste: There are more things in heaven and earth than are dreamt of in your philosophy.” – Dazu passt für mich als Deutung heute ein Wort aus biblischer Quelle (1 Kor 13):
    „Unser Wissen ist Stückwerk … Wenn aber kommen wird das Vollkommene, wird das Stückwerk aufhören. Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild, dann aber von Angesicht zu Angesicht.“
    Ich danke Ihnen.

 

 

Literatur:

Reiner Anselm, Warum Wissenschaft Religion braucht. Anmerkung zur Neubestimmung eines schwierigen Verhältnisses, in: Das Montagsforum. Versuche die Welt zu verstehen, hg. von Werner Matt u.a., Dornbirn 2010, 364-372

Ulrich Barth, Abschied von der Kosmologie – Befreiung der Religion zu sich selbst, in: Wilhelm Gräb (Hg.), Urknall oder Schöpfung? Zum Dialog von Naturwissenschaften und Theologie, Gütersloh 1995, S. 14-42
Ulrich Barth, Gehirn und Geist. Die Evolutionstheorie und der Begriff des Selbstbewusst-seins, in: Wilhelm Gräb (Hg.), Urknall oder Schöpfung? Zum Dialog von Naturwissen-schaften und Theologie, Gütersloh 1995, S. 101-138

Volker Drehsen, Wie religionsfähig ist die Volkskirche? Sozialisationstheoretische Erkundungen neuzeitlicher Christentumspraxis, Gütersloh 1994

Stephan Friedrich, Die Entwicklung der neuzeitlich-naturwissenschaftlichen Kosmologie, in: Roderich Barth, Claus-Dieter Osthövener u.a.(Hg.), Protestantismus zwischen Aufklärung und Moderne. FS Ulrich Barth (Beiträge zur rationalen Theologie. Band 16), Frankfurt u.a. 2005, S. 219-233

Wilhelm Gräb, Lebensgeschichten - Lebensentwürfe - Sinndeutungen. Eine praktische Theologie gelebter Religion, Gütersloh 1998

Wilhelm Gräb, Sinn fürs Unendliche. Religion in der Mediengesellschaft, Gütersloh 2002

Wilhelm Gräb, Religion als Deutung des Lebens. Perspektiven einer Praktischen Theologie gelebter Religion, Gütersloh 2006

Wilhelm Gräb, Die Lehre der Kirche und die Symbolsprachen der gelebten Religion, in: Ulrich Barth, Friedrich Wilhelm Graf u.a. (Hg.), Aufgeklärte Religion und ihre Probleme. Schleiermacher – Troeltsch – Tillich, Berlin/Boston 2013, S. 137-154

Friedrich W. Graf, „Kreationismus“. Religionsgeschichten der Moderne, in: Bayerische Akademie der Wissenschaften. Jahrbuch 2011, München 2012, S. 143-162

Klaus-Peter Jörns, Update für den Glauben. Denken und leben können, was man glaubt, Gütersloh 2012

Hermann Lübbe, Religion nach der Aufklärung, Graz, Wien, Köln 1986

Trutz Rendtorff, Religion im Christentum. Beobachtungen zum Status des neuzeitlichen Religionsbegriffs, in: Roderich Barth, Claus-Dieter Osthövener u.a.(Hg.), Protestantismus zwischen Aufklärung und Moderne. FS Ulrich Barth (Beiträge zur rationalen Theologie. Band 16), Frankfurt u.a. 2005, S. 451-464

Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher, Der christliche Glaube nach den Grundsätzen der evangelischen Kirche im Zusammenhange dargestellt, Erster Band, Berlin 1821

Gerhard Schulze, Die Erlebnisgesellschaft. Kultursoziologie der Gegenwart, Frankfurt 1993
Diverse Lexikon-Artikel über „Religion“ (Historisches Wörterbuch der Philosophie; Die Religion in Geschichte und Gegenwart, Wikipedia u.a.)



<    Juni 2017    >
MoDiMiDoFrSaSo
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Offenes Tanzen
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Die nächsten Termine:

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25.06.17, 10:00 - 11:00
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Katharina von Bora-Haus (Teppichraum)

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Schiffsgottesdienst "Tiefgang"

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30.06.17, 20:00 - 22:00
Offenes Tanzen

Katharina von Bora-Haus

02.07.17, 18:30 - 19:30
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Kath. Pfarrkirche Aufkirchen


Aktuelle Nachrichten

Seniorenkreis 9.5.2017 - Nachtrag zum Vortrag

Vortrag von Prof. Dr. Frieder Harz "Mutige Frauen der Reformation" nun auf dessen Website online nachzulesen (und hier zum Download).


Predigt an Trinitatis, 11.6.17

von Pfarrer Peter Morgenroth im Katharina von Bora-Haus

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Predigt an Exaudi, 28.5.17

von Pfarrer Johannes Habdank in St. Johannes, Berg

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Seegottesdienst

an Christi Himmelfahrt 25.05.2017

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Konfirmierten-Frühstück

am 15.05.2017 im Katharina von Bora - Haus

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Konfirmationspredigt 2017 von Pfarrer Johannes Habdank

bei den Festgottesdiensten in der Pfarrkirche Aufkirchen

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Konfirmation 2017 Festgottesdienste

am 13. Mai 2017

und am 14. Mai 2017 in der Pfarrkirche Aufkirchen

Bilder (13.05.2017)

Bilder (14.05.2017)