Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde Berg am Starnberger See

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Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde Berg am Starnberger See

Aktuell

Predigt am 18. So. nach Trinitatis 15.10.2017

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Predigt von Pfarrer Johannes Habdank
am 15.10.2017, 18. Sonntag nach Trinitatis, St. Johannes Baptist, Berg Über die reformatorischen Grundprinzipien

Liebe Gemeinde,
es gibt bekanntlich – im Jahr des 500. Reformationsjubiläums hoffentlich auch allen geläufig – vier reformatorische Grundprinzipien: Sola fide, sola scriptura, solus Christus, und sola gratia. Und dann gibt es noch ein fünftes: Solo verbo (allein durch das Wort), das den worthaften Charakter der anderen vier beschreibt und grundlegt. Bleiben wir für heute bei Vieren.
Sola fide (allein durch den Glauben), sola scriptura (allein durch die Schrift), sola gratia (allein durch die Gnade), alles in Christus gegründet: solus Christus (allein Christus). Diese Grundsätze bedingen und durchdringen einander wechselseitig mit der Intention, den Glauben nicht an die Kirche zu binden, sondern an den Einzelnen in seinem Herz und Gewissen als dem wahren Ort der Gottesbeziehung, der Religion. Es geht Luther um Persönlichkeitsglauben, persönlichen Glauben. Die „Gemeinschaft der Gläubigen“, die Kirche, ist ihm lediglich eine abgeleitete Größe aus den vielen Einzelnen, die glauben. Die Kirche als autoritäre Heilsinstitution wird sozusagen ersetzt durch den „autonomen“, in Glaubensdingen selbst mündigen einzelnen Gläubigen und sein unmittelbares Glaubensverhältnis zu Gott und Jesus Christus. Der Christenmensch hat sich nur an dem zu orientieren, was ihm persönlich als Glaube gegeben ist und gnadenhaft einleuchtet, bezogen auf den Maßstab der Bibel.
Also: der Glaube allein, sola fides, rechtfertigt den Menschen vor Gott, behauptet schon Paulus und dann die Reformation! Was ist das eigentlich: Glaube? Und damit bin ich beim ersten reformatorischen Prinzip: sola fide. Nun, glauben heißt „nicht wissen“, wie es der (in diesem Fall dümmliche) Volksmund meint; das Wissen sei dem Glauben himmelweit vorzuziehen.


Nein. Religionswissenschaften und Theologie beschäftigten sich mit dem Phänomen des Glaubens im Sinne religiöser Lebensdeutung wieder verstärkt, akademisch schon seit weit über hundert Jahren, aber jetzt erneut, seit allenthalben auf dem Globus wieder Religionskriege aufzuflammen scheinen. Glauben, sagen sie, ist ein ganz wesentliches Element des Lebens. Der Glaube ist als Welt- und Lebensdeutung ein entscheiden-der Bestandteil der Einordnung von Wirklichkeit für jeden Menschen. Jeder begegnet jeden Tag der Realität. Damit er aber mit dieser Realität angemessen umgehen kann, damit er sie für sich annehmen und dann auch bewältigen kann, dazu braucht er einen Glauben. Der Glaube deutet seine Realität. Jeden Moment in seinem Leben. Ob etwas falsch oder richtig ist, weiß der Glaube nicht. Ob etwas falsch oder richtig ist für mich, das entscheidet mein Glaube. Er bearbeitet das, was wir wissen, kennen, erleben, überhaupt zur Kenntnis nehmen und auch das, was wir lieber nicht wissen wollen, was wir vergessen oder verdrängen. Das ist seine Aufgabe. Glaube ist der hilfreiche und überlebenswichtige Deutungsfilter meines Lebens. Damit ist aber nun überhaupt noch nichts gesagt über den Inhalt meines Glaubens. Ob ich Atheist bin – auch der Atheismus ist eine Form des Glaubens -, Muslim, Hindu, Jude oder Christ. Glaube ist das Sieb, durch das Wissen und Wirklichkeit in mein Leben hineinkommen. Darum hat die Reformation noch drei andere Maßstäbe gesetzt – und erst alle vier zusammen stecken das Feld unseres protestantischen Glaubens ab. Man kann also eigentlich über die eine nicht ohne die anderen drei Grundüberzeugungen der Reformation recht reden.


Sola scriptura ist dabei die grundlegende Orientierung an dem, was die Bibel erzählt. Das Thema allen Nachdenkens über die Schrift ist aber nur eines: Der Mensch vor seinem Gott. Gott selber hat – so schon die ersten Seiten des Alten Testaments – die Erde und die ganze Welt und auch den Menschen am Anfang geschaffen und siehe, das alles war sehr gut. Die Fragen des modernen Wissens über die Evolution will das Alte Buch nicht lösen, wollte es nie lösen. Die Bibel will nie erklären, wie die Schöpfung der Welt vor sich ging. Das Wie interessiert sie nicht, sondern die Frage, auf die auch die moderne Wissenschaft keine Antwort hat: Das Warum!


Die Stellungnahme der Bibel ist eindeutig: Weil Gott es so wollte. Unsere Existenz auf diesem Globus ist kein Zufall, sondern entspringt Gottes Willen und gewinnt daher ihre Begründung, ihren Sinn und ihr Ziel. Mehr nicht, aber auch nicht weniger. In dieser wunderbaren Schöpfung wirkt nun aber einer mit, der Kraft der Freiheit, diese Schöpfung sich untertan zu machen, und des Auftrags, sie zu bewahren, übers Ziel hinausgeschossen ist und täglich hinausschießt: Der Mensch, der selber sein will, wie Gott. Das ist das, was die Bibel Sünde nennt. Nicht die oft billigen und leicht zu brandmarkenden moralischen Verfehlungen, mit Vorliebe der natürlich der anderen, sind seine Sünde. Sein zu wollen wie Gott, ist das Vergehen des Menschen an dieser Welt, das ist der Sündenfall schlechthin. Und seither ist die Welt nicht mehr, die sie bei Gott war. Seither ist sie nicht mehr sehr gut. Daher war es – so unser Glaube – aus der Sicht Gottes unabdingbar, eine grundlegende Korrektur zu wagen:


Solus Christus ist nach dem Neuen Testament nun der Versuch Gottes, seine Vorstellung vom Leben in seiner Schöpfung zu konkretisieren und um- und vielleicht auch durchzusetzen. Über Gott kann man sich ja wunderbar streiten, kein Mensch hat ihn je gesehen, wie die Schrift sagt, Paulus, keiner kann ihm über die Schulter schauen und ihn richtig interpretieren – also war es seinerseits konsequent, sich selber zu interpretieren und bekannt zu machen. Und wie hat er das getan? Martin Luther hat das unvergleichlich klar und deutlich ausgedrückt. „Wer Gott erkennen und ohne Gefahr von Gott spekulieren will, der schaue in die Krippe. Heb unten an und lerne ernstlich erkennen der Jungfrau Marien Sohn, geboren in Bethlehem, so der Mutter im Schoß liegt und säuget an ihren Zitzen, oder am Kreuz hängt – danach will er fein lernen, wer Gott sei. Er ist in unser Fleisch kommen, hat sich in den Schoß der Mutter gelegt und lassen ans Kreuz schlagen. So ermahne und warne ich jedermann, dass man das Spekulieren anstehen lasse und flattere nicht zu hoch. Bleibe hienieden bei der Krippe und Windeln, darin Christus liegt, der Krippenherr und Windelfürst. Er säugt an der Mutter Brust und isst den Brei. In ihm wohnt die Fülle der Gottheit leibhaftig. Da kann man Gottes nicht fehlen, sondern trifft und findet ihn gewisslich.“


Das ist der Gott, an den wir Christen glauben, solus Christus, der menschliche Mensch, der die Welt verändern will und letztlich an der Realität unserer Welt verzweifelt, scheitert, an ihr zugrunde geht. Das hat nun Gott veranlasst, letztlich eine neue Welt zuzusagen, die wir glauben können: Eine Welt, in der kein Geschrei sein werde, kein Schmerz und keine Tränen, wie es im letzten Buch der Bibel heißt, eine Welt, in der das Leben bei und mit Gott das Ziel sein soll; das Neue Testament nennt das Auferstehung. So will Gott erlösen von dem, was uns in diesem Leben angetan wurde, was wir uns gegenseitig angetan haben. Das ist offenbar die göttliche Vision von gelingendem Leben, die wir auf Erden nicht werden realisieren können.
Und warum will Gott das alles tun? Weil er uns, weil er jeden von uns komischerweise liebt, weil er seine Welt, seine Idee, seine Menschen, seine Schöpfung, weil er das alles liebt und neu machen will. Aus Liebe. Nun wissen wir nicht, und man kann es auch nicht beweisen, ob das alles genau so stimmt. Aber ich weiß, dass wir darauf vertrauen sollen wie ein Kind auf die Zusagen seiner Eltern, seines Vaters. Das ist zumindest eine Form von Realitätsdeutung, die ich vertreten kann. Ein mir befreundeter Pfarrer, Dr. Markus Rückert, hat dazu gesagt: „Wenn ich es nicht glauben könnte, wäre das Leben für mich in weiten Bereichen nur gnadenloser Egoismus, Zynismus, Verrat, eine Aneinanderreihung von Absurditäten, Macht, Sex, hie und da ein wenig Liebe, viel Boshaftigkeit, Sarkasmus, Schimpf, Schande und Tod. Ohne einen solchen Glauben wäre es – so glaube ich - kaum auszuhalten, dieses Leben.“ Und warum sollte Gott dieses alles lösen wollen, uns erlösen?


Sola gratia. Allein aus Gnade, allein aus seiner unerklärlichen Liebe. Sonst gibt es keinen Grund. Darum können wir da auch nichts dafür tun. Der alte Streit zwischen den christlichen Konfessionen: Wir können da nicht mitwirken, wir können uns das nur gefallen lassen. Sola gratia. Das ist unser reformatorischer Glaube. Wie zur Schöpfung ganz am Anfang, können wir nichts beitragen. Wie wir auch am Weg Jesu von der Krippe ans Kreuz vor 2000 Jahren nichts ändern können. Und zu unserer Hoffnung auf eine neue Schöpfung Gottes können wir auch nichts, aber auch gar nichts tun, damit sie so real wird wie einst seine erste Schöpfung.


Was wir allerdings können: Wir können unseren Glauben ein wenig fruchtbar machen, ein wenig lebendiger und vor allem anderen plausibler, indem wir versuchen, wie Christus, der exemplarische Mensch, den Menschen zum Bruder oder zur Schwester zu werden. Mehr werden wir ohnehin nicht schaffen. Aber das wäre wenigstens eine kleine Frucht unseres Glaubens, sola fide.


Amen.
 

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Predigt am 18. So. nach Trinitatis 15.10.2017

 

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