Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde Berg am Starnberger See

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Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde Berg am Starnberger See

Katharina von Bora

Katharina von Bora –
„der Morgenstern zu Wittenberg“

 

Die evangelischen Kirchen haben sich mit dem öffentlichen Gedenken an beispielhafte Christinnen und Christen stets etwas schwer getan. Viele Formen der Heiligenverehrung, die das Mittelalter kannte und die römisch-katholische Kirche noch kennt, haben wir nicht mehr. Heilige im Gottesdienst zu verehren und sie im Gebet anzurufen, geht nicht. Reliquien aufzubewahren und öffentlich zu präsentieren, kommt nicht in Frage – im Privaten vielleicht hat der eine oder die andere von uns ein heimliches Souvenir aus Wittenberg oder Eisleben (den Splitter von Luthers Bett…). Wie steht es mit den Feiertagen? Schwierig. Selbst Apostel- und Engelsgedenktage sind vielen Geistlichen nur noch aus dem Pfarramtskalender bekannt. Bilder - und Statuen? – Na ja, sie werden hin und wieder geduldet. In manchen evangelischen Kirchen dämmert eine Lutherstatue im Dunkel unter der Orgelempore, gelegentlich schafft sie es auch bis an die seitlichen Kirchenwände. Der Altarraum bleibt aber selbst den Reformatoren meist verschlossen. Und dann ist da noch die Benennung von kirchlichen Gebäuden, von Kirchen, Kindergärten und Gemeindehäusern. Es sieht so aus, als ob dies die einzige Form approbierter evangelischer Heiligenverehrung wäre.

Nun kann man über die Heiligenverehrung durchaus unterschiedlicher Ansicht sein, kann darüber theologisch diskutieren und manchen neueren Formen, die vorschnell protestantisch aufgenommen werden, mit guten Gründen skeptisch begegnen. Doch dürfte unbestritten sein, daß auch wir evangelische Christen Formen öffentlicher Erinnerung an die eigene konfessionelle Tradition brauchen, wenn wir noch so etwas wie eine evangelische Identität pflegen und an die nächste Generation weitergeben wollen. Wir brauchen Formen, in denen wir uns öffentlich der eigenen konfessionellen Tradition vergewissern können. Auch wir evangelische Christen brauchen mithin so etwas wie eine Memorialkultur. Ohne Erinnerung keine Identität. Zu einer protestantischen Memorialkultur gehört dann auch das öffentliche Erinnern an Menschen unserer Kirche, die das Christsein exemplarisch gelebt haben und die uns daher helfen können, unsere Identität als evangelische Christen zu finden und zu wahren.

Meine Damen und Herren, Sie haben gut daran getan, dem Berger Gemeindehaus einen neuen Namen zu geben. Sie haben die Gelegenheit genutzt, durch diese Benennung ein Stück öffentlicher Erinnerungsarbeit zu leisten, einer Person unserer konfessionellen Geschichte Präsenz in der alltäglichen Sprache zu verschaffen, wenn nun demnächst vom Katharina-von-Bora-Haus die Rede sein wird, in dem der Gottesdienst, der Konfi-Unterricht oder auch das literarische Frühstück stattfindet.

Der Name allein freilich stiftet noch keine Identität. Das kulturelle Gedächtnis wird erst da gepflegt, wo man anfängt, sich in der Gemeinde die Geschichte der Katharina von Bora zu erzählen. Einen bescheidenen Beitrag zur erzählenden Vergegenwärtigung Katharinas wollen auch die folgenden Überlegungen leisten.

Wer also war Katharina von Bora? Und: Inwiefern war sie ein exemplarischer Mensch, ein Mensch, an den wir uns erinnern sollten, um die eigene evangelische Identität zu wahren, vielleicht gar zu gewinnen?

Wer sich mit historischem Interesse der Person der Katharina von Bora nähert, steht vor einem Problem: Es ist relativ wenig Quellenmaterial vorhanden, und das vorhandene Material stammt zudem meist von ihrem Ehemann Martin Luther. Es spiegelt dessen Sicht auf Katharina wider, sagt oft mehr über ihn als über seine Frau. Wie bei zwei übereinandergeblendeten Dias liegt für den historischen Betrachter stets das Bild Luthers über dem der Katharina. Nur wenige Quellen erlauben einen ungefilterten Blick: Es sind die noch erhaltenen Briefe aus der Hand Katharinas, die allerdings eher kaufmännisch-rechtlicher Natur, gleichsam Geschäftsbriefe und für die uns interessierenden Fragen nach Glauben und Leben der Lutherin nur bedingt aussagekräftig sind. Von den zahlreichen Briefen, die Katharina an ihren Mann schrieb, ist keiner mehr erhalten. Soviel zur Quellenlage.

Das Klosterkind

Kindheit und Jugend der Katharina liegen weitgehend im Dunkel. Das Geburtsjahr 1499 ist errechnet aus einer Angabe in einem Brief des Erasmus von Rotterdam. Der Geburtstag, 29. Januar, wird gar nur aufgrund der Aussage eines frühen Biographen Katharinas aus dem 18. Jahrhundert behauptet, dem noch eine Silbermünze vorgelegen hatte, auf der dieses Datum eingeprägt war. Die Münze ist heute nicht mehr aufzufinden. Kaum besser sieht es mit dem Geburtsort aus. Eine halbwegs sichere Überlieferung gibt es nicht. Leider ist es bisher nicht gelungen, Katharina einem der vielen Zweige des sächsischen Adelsgeschlechtes derer von Bora eindeutig zuzuordnen. Man nimmt meistens an, daß ein gewisser Hans von Bora ihr Vater gewesen sei. Er besaß südlich von Leipzig das kleine Rittergut Lippendorf, in dem Katharina geboren worden sein könnte. Aus den späteren Zeugnissen wissen wir, daß Katharina noch drei Brüder, vielleicht auch noch eine Schwester gehabt hat. Die Familie lebte wohl von der Bewirtschaftung des Gutes, scheint dann aber – möglicherweise durch Unglücksfälle – in hohe Schulden geraten und zusehends verarmt zu sein. Hans gab seine Tochter Katharina früh auf eine Klosterschule. Als er 1505 nach dem Tod seiner ersten Frau wieder heiratete, war Katharina bereits Schülerin im Benediktinerinnenkloster Brehna (bei Bitterfeld). 1508/09, also kaum 10 Jahre alt, kam Katharina sodann in das Zisterzienserinnenkloster Marienthron in Nimbschen bei Grimma. Sie besuchte auch hier zunächst die Mädchenschule, war aber von ihrem Vater offenbar schon nach Marienthron mit der Absicht gegeben worden, später einmal in den dortigen Konvent einzutreten. Bei der Wahl des Klosters dürfte für den finanziell bedrängten Hans von Bora die Tatsache nicht unerheblich gewesen sein, daß die Nimbschener Zisterzienserinnen für die Aufnahme in den Konvent keine Gebühren verlangten. Außerdem war bereits eine Tante Katharinas Nonne in Marienthron. Die junge Anwärtern auf den Ordensstand erhielt bei den Zisterzienserinnen eine gründliche Ausbildung im Lesen, Schreiben, Singen, Sticken, lernte auch etwas Latein. 1514 begann sie ihr Noviziat, ein Jahr später – 1515 – legte sie die Ordensgelübde Armut, Keuschheit und Gehorsam ab. Damit war sie eine Zisterzienserin geworden.

Stundendienst und Arbeit in Land- und Hauswirtschaft prägten das Leben im Kloster Marienthron. Der Orden der Zisterzienser war im 12. Jahrhundert aus dem der Benediktiner erwachsen, um die alten Ideale Benedikts – Gebet und Handarbeit (ora et labora) – sowie eine strenge Armut zu leben. Katharina dürfte in Marienthron neben Kenntnissen biblischer und liturgischer Texte ein beachtliches Praxiswissen in Hauswirtschaft, Feldbau und Viehhaltung erworben haben. Sie hat später nie über ihre Jahre im Kloster geklagt, die im Vergleich zum Leben auf einem verarmenden sächsischen Rittergut vielleicht auch nicht so unangenehm gewesen waren.

Flucht aus der Kindheit

Wir wissen nicht, auf welchem Wege Katharina von den aufsehenerregenden Gedanken hörte, die ein gewisser Augustinermönch Martin Luther von Wittenberg aus verbreitete. 1521 stand Luther vor Kaiser Karl V. auf dem Reichstag zu Worms und verweigerte den Widerruf seiner bewegenden Lehren. Er wurde geächtet und für vogelfrei erklärt. Doch Luthers Landesherr, Kurfürst Friedrich der Weise, kam allen zuvor, die Hand an den Geächteten legen wollten. Er ließ den schwarzen Vogel kurzerhand entführen und brachte ihn auf einen noch heute bewunderungswürdigen, wenn auch nicht gerade goldenen Käfig: die Wartburg. Dort lebte der unbeugsame Wittenberger Professor unter dem Decknamen „Junker Jörg“ und hatte auf einmal Zeit, viel Zeit, die er sogleich zu intensiver theologischer Arbeit nutzte, vor allem zur Übersetzung des Neuen Testaments. Daneben dachte er auch intensiv über seinen Ordensstand nach. Eindrucksvolles Zeugnis seiner differenzierten Auseinandersetzung mit dem monastischen Ideal ist das Gutachten „De votis monasticis“ („Über die Mönchsgelübde“), das er im November 1521 auf der Wartburg verfaßte. Darin wendet er sich gegen die Verbindlichkeit der Ordensgelübde und des Zölibats. Nirgendwo sei in den biblischen Schriften davon die Rede, daß man sich ewig an Armut, Keuschheit und Gehorsam binden solle. Der ewig bindende Charakter der Gelübde widerspreche vielmehr der von Gott geschenkten evangelischen Freiheit. Man solle nicht glauben, durch derartiges Geloben ein Gott wohlgefälliges, verdienstliches Werk getan zu haben.

Auf welchem Wege diese brisanten Gedanken Luthers in das Kloster Marienthron kamen, läßt sich nur vermuten. Möglicherweise haben einige Verwandte Katharinas bei ihren Besuchen davon berichtet. Vielleicht sind die Gedanken aber auch durch den Torgauer Großhändler Leonhard Koppe, der das Kloster mit Heringen und Stockfischen belieferte, in die Klausur gelangt. Unter den Ordensschwestern scheinen sie zu Unruhe, dann auch zu einer konspirativen Verständigung geführt zu haben. Fakt ist jedenfalls, daß es im Jahr 1523 in kirchenjahreszeitlich hochbedeutsamer Zeit, nämlich in der Osternacht – vom 5. auf den 6. April –, zu einer spektakulären Entführungsaktion kam. Besagtem Fischhändler Leonhard Koppe gelang es nämlich, unter dem Deck seines Planwagens 12 Nonnen am Torwächter vorbei aus dem Kloster Marienthron zu schmuggeln und nach Torgau zu bringen. Katharina von Bora war auch unter ihnen. Drei der Nonnen waren Untertanen Kurfürst Friedrichs des Weisen und konnten unbehelligt zu ihren Familien zurückkehren. Katharina, Ave von Schönfeld und die übrigen Nonnen waren Landeskinder Herzog Georgs des Bärtigen von Sachsen, eines entschlossenen Luthergegners, der gegen alle Anhänger dieses Mönchs, die sich in seinem Territorium bewegten, hart vorzugehen gewillt war. Für diese Nonnen kam eine Rückkehr nach Hause nicht in Frage. Koppe brachte sie deshalb weiter nach Wittenberg, wo sie am 9. April, begleitet vom Torgauer Geistlichen Gabriel Zwilling, unter großer Aufmerksamkeit der Stadtbevölkerung eintrafen.

Die spektakuläre Flucht aus Marienthron wurde schon im 16. Jahrhundert ausgemalt. Sie zählt zweifellos zu den reizvollsten Details im Leben der Katharina von Bora und hat gerade auch im 20. Jahrhundert in den belletristischen Biographien besondere Aufmerksamkeit erfahren (Jochen Klepper, Asta Scheib, Ursula Koch). Berichte, wonach der Fischhändler Leonhard Koppe die Nonnen in den Heringsfässern auf seinem Planwagen versteckt habe, gehören jedoch ins Reiche der Legende. „In jeder Tonne eine Nonne“ – die armen Frauen! In der Chronik, auf die diese Anekdote zurückgeht, ist lediglich davon die Rede, daß Koppe die Klosterfrauen auf seinem überdeckten Wagen transportiert habe ganz so, „als führete er Heringstonnen“[1].

Sondierungen – die ersten Wittenberger Jahre

Die Ankunft der klösterlichen Flüchtlinge brachte in Wittenberg schnell allerhand Gerüchte in Umlauf: Daß sich die Nonnen aus niederen Motiven von wilden Buben hätten entführen lassen, mit der Freiheit im Grunde Freier gesucht hätten und dergleichen mehr. Ihr guter Ruf war in Gefahr. In dieser Situation trat Luther die Flucht nach vorne an und schrieb einen öffentlichen, zum Druck bestimmten Brief an Leonhard Koppe. Darin schildert er nicht nur in groben Zügen den Verlauf der Flucht, sondern begründet sie auch theologisch. Er trat allen Verdächtigung entgegen, die Frauen hätten mit dem Ablegen des Schleiers auch ihre Unschuld verloren. Das war immerhin eine Ehrenrettung. Doch was sollten sie jetzt machen? Eine Rückkehr zu den Familien war aus den genannten politischen Gründen nicht angeraten. Zudem zeigten die Familien damals entlaufener Klosterbrüder und -schwestern sich z.T. gar nicht erfreut, die Kinder, die sie in den Klostermauern geistlich und leiblich gut versorgt wähnten, auf einmal wieder am eigenen Tisch sitzen zu haben. Faktisch blieb also nur der Weg in die Ehe...

Katharina kam einstweilen in einem Wittenberger Haushalt unter. Sehr viel genauer können wir es aufgrund der dürftigen Hinweise in den Quellen nicht formulieren. Die immer wieder zu lesende Behauptung, Katharina sei vom Maler Lukas Cranach ins Haus genommen worden, ist nicht undenkbar, doch aus den Quellen nicht wirklich zu belegen. Sowohl die Klosterflüchtlinge als auch der Wittenberger Universitätsbetrieb zeigten sich von der neuen Situation nicht unbeeindruckt. Luther scheint zunächst ein Auge auf Ave von Schönfeld geworfen zu haben. Wie die späteren Briefe Luthers noch erkennen lassen, faßte auch Katharina offenbar bald heftige Zuneigung – und zwar zu einem jungen, adretten Studenten, dem Nürnberger Patriziersohn Hieronymus Baumgartner. Die Sympathie war augenscheinlich gegenseitig. Der junge Mann verließ Wittenberg Richtung Süden mit der Absicht, Katharina bald nachzuholen. Aber die Patrizierfamilie widersetzte sich wohl heftig der bevorstehenden Ehe mit einer entlaufenen Nonne. Hieronymus gab nach und heiratete 1526 eine andere, die Tochter eines Amtmanns aus Tutzing. Damit gibt es also doch eine Verbindung zum Starnberger See.

Katharina blieb weiterhin unverheiratet – trotz des existentiellen Drucks. Luther trug ihr 1524 Dr. Kaspar Glatz, den Pfarrer von Orlamünde, an. Doch Katharina lehnte ab. Kurz darauf beschwerte sie sich bei Luthers Freund Nikolaus von Amsdorff, daß Luther sie gegen ihren Willen mit Glatz verheiraten wolle. Sie bat ihn, er möge doch Luther von seinem Vorhaben abbringen. Hier scheint Amsdorff, der diese Ablehnung für adeligen Hochmut hielt, bemerkt zu haben: Ob ihr denn ein Doktor, Professor oder Pfarrer nicht gut genug sei? Worauf Katharina erklärte, daß sie „lieber wollte […] Doctorem Martinum oder Dominum Amsdorffium ehelich zu nehmen.“[2] Diese Erklärung sollte nicht ohne Folgen bleiben – zumal schnell deutlich wurde, daß Nikolaus von Amsdorff sich nicht zum Schritt in die Ehe entschließen konnte.

Nachdem Luther von der Erklärung Katharinas gehört hatte, begann er wohl ernsthaft über seine Eignung oder Nichteignung für eine Ehe nachzudenken. Noch 1524 dachte er keineswegs ans Heiraten und schon gar nicht an Katharina, die er für hochmütig hielt. Er rechnete vielmehr mit seiner baldigen Hinrichtung als Ketzer. Katharina aber wußte, was sie wollte. Sie war eine starke Persönlichkeit und brachte Luthers Einstellung offensichtlich ins Wanken, und zwar zu ihren Gunsten ins Wanken. Hinzukam, daß die Freunde Luther schon seit längerer Zeit bedrängten, persönlich die Konsequenzen aus seiner Lehre von Ehe- und Ordensstand zu ziehen. Schließlich eröffnete sich so auch die Möglichkeit, sich mit dem Vater auszusöhnen, der dem Sohn Martin den Schritt ins Kloster nie verziehen hatte. Die kumulierende Gewalt im Bauernkrieg anno 1525 war für Luther ein Zeichen, daß das Ende der Welt nahe gekommen sei. Der Teufel lehne sich ein letztes Mal gegen das kommende Gottesreich auf und erhebe noch einmal sein gräßliches Haupt. Jetzt sei es Zeit, ihm ein Schnippchen zu schlagen – und zu heiraten: So die für uns nicht ohne weiteres nachvollziehbare, ja vielleicht sogar bedenklich erscheinende, aber wiederum für Luther sehr charakteristische Überlegung.

Am Abend des 13. Juni 1525 war es dann soweit. In einem kleinen Kreis von Gästen, der sich in Luthers Wohnung, dem Augustinerkloster, eingefunden hatte, wurden Katharina von Bora und Martin Luther durch den Wittenberger Stadtpfarrer Johannes Bugenhagen getraut. 14 Tage später fand nach damaligem Brauch die große Feier statt, die sog. „Wirtschaft“, zu der sich das Kloster mit vielen Besuchern füllte. Kathrina hatte sich also durchgesetzt. Beide, Katharina und Martin, sahen die Ehe nicht als romantische Verbindung. Die Reformation war im Ganzen keine romantische Angelegenheit, wie Roland Bainton treffend bemerkt hat.[3] Man heiratete aus Gründen des Bekenntnisses oder der Vernunft. Für Luther war die Heirat eher ein Bekenntnisakt, für Käthe mehr eine Sache der Vernunft. Die Liebe kam später. Katharina war 26, Martin 41. Doch weniger diese auch für damalige Verhältnisse auffällige Altersdifferenz als vielmehr die Tatsache, daß eine entlaufene Zisterzienserin und ein abtrünniger Augustinereremit sich verheiratet hatten, boten der sofort einsetzenden altgläubigen Polemik reiches Material. Die Ehe war tatsächlich ein gelebtes Bekenntnis.

Wieder im Kloster – das neue Zuhause

Katharina zog also wieder ins Kloster, diesmal aber zu ihrem Mann. Ein „trautes Heim“ wird man es nicht nennen können, das Augustinerkloster oder auch nach der Ordenstracht der Mönche sog. Schwarze Kloster, in dem Luther hauste. Eigentlich bildete es nur einen Teilkomplex, das Konventshaus, einer niemals vollendeten Klosteranlage. Seine Ausmaße waren beachtlich: Im ersten Stock befanden sich einige Hörsäle der Universität, darüber lagen rund 40 Mönchszellen. 1525 war das Gebäude jedoch schon entvölkert. Bis auf Luther waren alle Klosterbrüder ausgezogen. Dieses etwas gespenstisch leere Gebäude sollte nun Katharinas neues Zuhause sein.

Wenn wir einer Notiz aus den Tischreden Glauben schenken dürfen, so bestand eine der ersten Aktionen Katharinas darin, das seit über einem Jahr nicht mehr gelüftete und verfaulende Bettstroh ihres Mannes auszutauschen. Sie soll damals gesagt haben: „Ich muß mir den Doktor anders gewöhnen, auf daß er’s macht, wie ich will.“[4] Eine Mitgift brachten weder Martin noch Katharina in die Ehe. Inventar war im Haus fast nicht vorhanden, die austretenden Mönche hatten mitgenommen, was sie noch brauchen konnten. Als Ordensangehöriger hatte Luther bislang unentgeltlich Vorlesungen gehalten. Wenige Monate nach der Hochzeit gelangte er dann im Zuge der Universitätsreform, die der neue Kurfürst Johann durchführte, zu einem festen jährlichen Gehalt von 200 Gulden, mit dem er und seine Frau rechnen konnten. Außerdem überließ der Kurfürst Luther das Schwarze Kloster zur Wohnung (förmlich seit 1532), womit er zugleich die Verheiratung Luthers faktisch anerkannte.

Luther, 20 Jahre im Kloster versorgt, konnte zeitlebens kein realistisches Verhältnis zum Geld gewinnen. Gästen und Hilfesuchenden machte er immer wieder großzügige Geschenke. Von den Hörern seiner Vorlesungen hat er im Unterschied zu vielen anderen Wittenberger Professoren nie Kollegiengelder verlangt. Umsomehr machte es sich Katharina zur Aufgabe, ein bescheidenes Vermögen aufzubauen. Der Erzbischof Albrecht von Mainz soll Luther zur Hochzeit ein Geldgeschenk in Höhe von 50 Gulden gemacht haben. Der Bote des Bischofs kam zu Luther ins Schwarze Kloster, um ihm das Geld persönlich auszuhändigen. Luther wies die Gabe energisch zurück. Als der Bote unverrichteter Dinge das Kloster verlassen wollte, fing ihn Katharina ab – und nahm das Geld dankend an. Die Anekdote ist zwar nicht sicher überliefert, aber zweifellos der Tendenz nach richtig. Es war Katharina, die das Geld zusammenhielt.

Bald nach der Hochzeit sollten Kinder die neue Mitte ihres Lebens bilden. 1526 gebar sie ihren ersten Sohn Johannes, das nachmals bekannte Hänschen, mit dem der Vater große Vorstellungen verband und das seinem Willen zufolge ein Theologe werden sollte – prototypische Hoffnungen, die dann später in so vielen protestantischen Pfarrhäusern gehegt werden sollten. Ein Jahr später, mitten in der Zeit der Pest, kam Elisabeth zur Welt, die aber schon nach acht Monaten verstarb. 1529 wurde Magdalene geboren. Aufgrund der hohen Säuglingssterblichkeit damals von rund 30 % entstanden bei den Vätern tiefere emotionale Bindungen zu den Kindern eigentlich erst, wenn diese über die ersten Jahre hinausgekommen waren. Als Magdalene mit 12 Jahren starb, wurden die Eltern wie vom Schlag getroffen. Es berührt noch heute zu lesen, wie Luther am Sarg des Kindes stehend sich an theologisch richtige Sätze klammerte, und doch damit die Trauer nicht überwinden konnte. 1531 wurde Martin, zwei Jahre später Paul geboren. Im nächsten Jahr kam schließlich Margarete zur Welt. Empfängnisverhütung gab es im Hause Luther offensichtlich nur durch die 18-20 Monate dauernden Stillperioden. Mit 41 Jahren war Katharina erneut schwanger, hatte aber eine Fehlgeburt, an der sie fast gestorben wäre. Die eigenen Kinder und deren Schicksal veränderten Katharina langfristig. Es scheint, als habe der Tod der beiden Töchter die Mutter noch enger mit den Söhnen verbunden.

Die Erziehung der Kinder lag weitgehend in den Händen Katharinas. Luther konnte sich de facto nicht um die Kinder kümmern. Die vielfältigen Aufgaben in Universität und Kirche nahmen ihn nahezu vollständig in Beschlag. Er entwickelte interessante theologisch-pädagogische Theorien, wie die Eltern ihre Kinder zu guten Christen formen und zum Gehorsam erziehen sollten. Seinem Sohn Hänschen schrieb er von der Veste Coburg aus einen hübschen Brief, sandte auch den anderen Kindern gelegentlich briefliche Küsse – die erzieherische Alltagsarbeit jedoch überließ er Katharina, und diese Alltagsarbeit wurde wie so oft kaum einer Überlieferung für wert geachtet.

Dabei hatte sich Katharina nicht nur um die eigenen Kinder zu kümmern. Wenige Jahre nach der Hochzeit füllte sich das geräumige Schwarze Kloster mit Jugend. Katharina nahm mehrere Nichten und Neffen Luthers ins Haus, dazu aus ihrer Verwandtschaft den Neffen Fabian sowie ihre Tante Magdalena – die unvergessene Muhme Lehne, von den Lutherkindern so heiß geliebt, daß der Vater gelegentlich eifersüchtig wurde. Doch damit nicht genug. Seit Ende der 20er Jahre ist der Betrieb einer Burse im Schwarzen Kloster nachweisbar, d.h. das Ehepaar Luther unterhielt quasi ein Studentenwohnheim. In der Nähe des berühmten Professors zu wohnen und vor allem an seinem Tisch zu speisen, war eine vielgesuchte Ehre. Hinzu kam noch der ein oder andere Hauslehrer für die heranwachsenden Kinder. Unterstützt von Knechten und Mägden hatte Katharina also einen umfangreichen Haushalt zu führen.

Sie suchte, wie es für die frühneuzeitliche Hauswirtschaft charakteristisch ist, den Großteil des täglichen Bedarfs selber zu erwirtschaften, hielt einige Kühe und Schweine, baute verschiedene Gärten an und beackerte kleine Felder, nicht zu vergessen: sie braute Bier im eigenen Brauhaus. Ihren klösterlichen Lebensrhythmus behielt sie nahezu ungebrochen bei: Im Sommer stand sie um vier, im Winter um fünf Uhr morgens auf. Luther sagte bildhaft-scherzend: „Käthe von Bora ist der Morgenstern zu Wittenberg.“[5] Um den täglichen Bedarf der Großfamilie und Burse langfristig zu sichern, drängte sie ihren Mann immer wieder zum Grundstückskauf. Vier Gärten in und um Wittenberg kamen so im Laufe der Jahre zu dem an sich schon nicht gerade kleinen Gelände des Schwarzen Klosters hinzu. Ein Grundstückskauf war Katharina besonders wichtig, ja war ihr fast eine Herzensangelegenheit. Als sie von ihrem Bruder Hans von Bora hörte, daß er das kleine Rittergut Zöllsdorf bei Leipzig, das letzte Erbe des veramten Vaters, zu verkaufen gedachte, griff sie schnell und entschlossen zu und kaufte 1540 ihrem Bruder das Gut kurzerhand ab. In ihren Augen sprachen viele Gründe für den Erwerb des rund zwei Tagesreisen weit entfernt gelegenen Gutes: Sie konnte damit ihrem Bruder finanziell helfen, die Familienehre wahren und eine Bewirtschaftungsfläche für Notzeiten erwerben. Katharina war oft wochenlang in Zöllsdorf, auch Luther hielt sich dort verschiedentlich auf. Das Luthergut verfiel im 18. Jahrhundert. Die letzten Spuren beseitigte der Braunkohlentagebau nach dem zweiten Weltkrieg. Zwei Pretiosen aus dem Gut sind erhalten geblieben, und zwar zwei Medaillons, die Katharina für die Wohnstube des Gutes als Wandschmuck hatte anfertigen lassen. Sie zeigen Martin und Katharina, das herrschaftliche Gutsbesitzerpaar. Vor allem das Medaillon der Gutsbesitzerin ist von beachtlicher künstlerischer Qualität: Es stellt uns im Vergleich zu den vielen, etwas schematisierten Arbeiten aus der Werkstätte Lukas Cranachs Katharina in ungemein lebensechter, ausdruckstarker Portraitierung vor Augen.

Katharina und Martin – Szenen einer Ehe

Wir sehen: Kinder und Küche bildeten natürlich die neue Lebensmitte Katharinas. Doch läßt sich die Rolle der frühneuzeitlichen Hausmutter nicht darauf reduzieren. Erst das 19. Jahrhundert hat die Hausfrau wirklich ins Haus verbannt und ihre Aufgaben auf die häuslichen Pflichten reduziert. Ihre Ahne, die frühneuzeitliche Hausmutter, leistete mit einer Haus, Garten und Feld umfassenden Selbstversorgungswirtschaft noch einen öffentlich wahrnehmbaren, eigenständigen Beitrag zum Unterhalt des „ganzen Hauses“. Zusammen mit dem Mann stand sie dem Haushalt vor. Sie hatte die Verantwortung für die Kinder und für das Gesinde.

Luther hat Katharina diese Stellung nicht streitig zu machen gesucht. Im Gegenteil, er hat Katharinas Rolle als Herrin im Haus uneingeschränkt anerkannt. Bekanntlich hat Luther gerne von seiner Katharina als dem „Herrn Käthe“ oder gar als seiner „Kette“ gesprochen. „Katharina von Bora – der Mann an Luthers Seite“. Solche Stilisierungen lassen sich vielfältig lesen. Es sieht so aus, als habe Katharina ihre Rolle als Hausmutter allzu selbstbewußt wahrgenommen. Freunde und Bekannte waren scheinbar nicht ganz im Klaren, wer im Hause Luther den Kampf um die Hosen gewonnen hatte. Gerüchte liefen um, Luther stehe nicht nur im Haushalt, sondern auch in seiner Theologie unter dem Pantoffel. Tatsächlich mußte sich Luther mit der Fama konfrontiert sehen, er würde nach den Anweisungen seiner Frau predigen. Ärgerlich verwahrte sich Luther dagegen: „Ich laß mich von meinem Weibe etwa leiten in Sachen des Haushaltes und Tisches, aber in Dingen des Gewissens und der Schrift erkenne ich keinen andern Lehrer und Doktor an, als den heiligen Geist.“[6]

Aber Persönliches und Sachliches dürften schon damals schwerlich sauber zu trennen gewesen sein. Bereits im ersten Ehejahr bewegte Katharina ihren Mann zu einer Replik auf Erasmus’ Abhandlung „De libero arbitrio“ („Vom freien Willen“). Luther gedachte die Herausforderung durch den großen Humanisten schweigend zu parieren, ja zu ignorieren. Katharina drängte ihren Mann zu einer schriftlichen Widerlegung. Luther setzte sich hin, brachte seine Argumente gegen den freien Willen zu Papier und verfaßte so eine seiner theologisch tiefgründigsten Schriften „De servo arbitrio“ („Vom ge knech teten Willen“).

Luther liebte es mitunter, seine Frau aufzuziehen. Einmal wies er ihr nach, daß in der Bibel die Polygamie erlaubt sei. „Es wird noch dahin kommen, daß ein Mann mehr als ein Weib wird nehmen. – Antwortet seine Doktorin: Das glaub der Teufel. […] Paulus sagt: Ein jeder habe seine eigene Frau. – Darauf antwortet der Doktor: Die eigene, aber nicht eine einzige; das steht nicht bei Paulus […] darauf sagt die Doktorin: Bevor ich das erdulde, kehre ich lieber wieder zurück ins Kloster und gebe Euch und die Kinder auf!“[7]

Katharina nahm an der geistigen Welt ihres Mannes regen Anteil, und Luther ließ sie auch an dieser Welt teilnehmen. Katharina saß am Tisch, wenn Luther mit seinen Kollegen und Freunden theologische oder politische Probleme wälzte. Kein Wunder, daß sie sich mit der Zeit eine respektable theologische Kompetenz und Urteilsfähigkeit erwarb, die Luther zu schätzen wußte. In einem Brief, den Katharina weitergeben sollte, schildert er ihr auf Latein die theologischen Argumente, die Zwingli im Marburger Religionsgespräch gegen Luthers Abendmahlauffassung vorgetragen hatte – wobei er offenbar davon ausgeht, daß Katharina die Argumentation gedanklich nachvollziehen kann. Ein weiterer Brief Luthers läßt erkennen, daß er seiner Frau zutraut, zusammen mit Georg Major und Ambrosius Berndt dem Grafen zu Schwarzburg unter drei Pfarramtskandidaten den geeignetsten vorzuschlagen. Noch sprechender sind vielleicht zwei Briefe, die Luther während seiner Mansfelder Reise 1546 schrieb. Im Brief an Katharina berichtet er ihr vom Stand der schwierigen Verhandlungen mit den untereinander zerstrittenen Mansfelder Grafen; im Brief an den geschätzten Kollegen Melanchthon dagegen fordert er diesen auf, ihm das bewährte Ätzmittel für seine Schenkelwunde aus dem Schwarzen Kloster zu besorgen. Gleichsam verkehrte Welt: die Haufrau Katharina erhält den Verhandlungsrapport, der Theologe Melanchthon die Anweisung für den Haushalt. Leicht ironisierend, doch nicht unzutreffend redete Luther seine Käthe in einem der letzten Briefe als „tiefgelehrte[n] Frau Katharina“[8] an.

Unordnung und spätes Leid

Von seiner Mansfelder Reise sollte Luther nicht mehr zurückkehren. Er starb am 18. Februar 1546 in seiner Geburtsstadt Eisleben. Katharina hat ihn in seinen letzten Stunden nicht begleiten können. Es ist ein Brief an ihre Schwägerin Christine erhalten, in dem sie in sehr persönlichen Worten ihre Trauer zum Ausdruck bringt – eines der sprechendsten Zeugnisse, das wir noch von Katharina haben.

Der Tod des Mannes bedeutete einen radikalen Lebenseinschnitt. Die eigenwillige und selbstbewußte Professorenfrau hatte gleichsam ihren männlichen Schutzschild verloren. Ihrem Mann zuliebe hatten einige Wittenberger Neid und Eifersucht auf Katharina, so gut es ging, zurückgehalten. Nun aber wurden offene Rechnungen beglichen. Der Kanzler am kursächsischen Hof, Gregor von Brück, suchte den Kurfürsten um Reduzierung der finanziellen Zuwendungen an Katharina zu bewegen mit dem bezeichnenden Hinweis, daß Frau Luther sich doch als Witwe mit einer bescheideneren Haushaltsführung begnügen solle. Doch Katharina dachte gar nicht daran. Im Gegenteil. Luther hatte in seinem Testament, das damalige sächsische Erbrecht außerordentlich weit auslegend, Katharina zur Alleinerbin des gesamten Vermögens gemacht. Sie bestand darauf, die Burse im Schwarzen Kloster weiterzuführen. Und wie sie hörte, daß das Rittergut Wachsdorf, vor den Toren Wittenbergs gelegen, zum Verkauf angeboten wurde, setzte sie alles daran, dieses Gut, auf das sie schon seit langem ein Auge geworfen, käuflich zu erwerben. Gegen nicht geringen Widerstand gelang es ihr auch schließlich, das Gut an sich zu bringen. Melanchthon hatte zu Katharina, als Luther noch lebte, immer ein kleinwenig distanziertes Verhältnis. Nach dem Tod Luthers aber kümmerte er sich rührend um Katharina. Seinem Einsatz und seiner Fürsprache ist es wesentlich zu danken, daß der Kurfürst Katharina eine großzügige finanzielle Unterstützung für den Kauf des Rittergutes Wachsdorf gewährte.

Allerdings konnte sich Katharina daran nicht lange freuen. 1546 brach der Schmalkaldische Krieg aus. Das Heranrücken der kaiserlichen Heere gen Wittenberg zwang die Mutter mit den Kindern zur Flucht nach Magdeburg. Nach dem Ende des Krieges 1547, besiegelt durch die Niederlage der Protestanten, konnte Katharina zwar wieder nach Wittenberg ins Schwarze Kloster zurückkehren. Aber die Lage war trostlos. Ihre Gärten und Äcker verwüstet. Das geliebte Gut Zöllsdorf südlich von Leipzig war eine Ruine. Hier gelang es ihr nicht mehr, wirtschaftlich Fuß zu fassen. Zudem bereiteten ihr die beiden großen Söhne Sorgen. Der Älteste, Hans, erhielt zwar ein Stipendium für sein Jura-Studium an der Königsberger Universität, verlor aber durch Faulheit die Gunst seines Schutzherrn, Herzog Albrecht von Preußen, und mußte sein Studium ohne den für Juristen obligatorischen Italienaufenthalt beenden. Der zweite Sohn, Martin, neigte zum Alkoholismus. Immerhin kam der Jüngste, Paul, mit seinem Medizinstudium gut voran.

1552 verbreitete sich in dem noch vom Krieg gezeichneten Wittenberg zu aller Schrecken wieder einmal die Pest. Der Universitätsbetrieb wurde nach Torgau verlegt. Ob auch Katharinas Reise nach Torgau mit dieser Verlegung im Zusammenhang steht, ist unklar. Jedenfalls machte sich Katharina im Planwagen auf die Reise in die benachbarte Residenz- und Festungsstadt. Vor den Toren Torgaus scheuten die Pferde aus einem heute nicht mehr ersichtlichen Grund, Katharina mußte vom Wagen springen, um sie von der Seite wieder unter Kontrolle zu bringen. Sie fiel auf den Rücken und rutschte in einen Graben mit kaltem Wasser. Dort blieb sie verletzt liegen. Man brachte sie nach Torgau. Bei dem tragischen Unfall hatte sie sich eine Verletzung zugezogen, die nicht mehr heilen wollte, eine Krankheit zum Tode. Nach langem Siechtum starb sie in Torgau kurz vor Weihnachten, am 20. Dezember 1552, keine 53 Jahre alt. Sie wurde in der Torgauer Stadtkirche begraben. Ein Tod in weitgehender sozialer Isolation, kaum beachtet von den Menschen. Obwohl die Stadt durch die Universitätsverlegung voll von Freunden und Bekannten gewesen sein muß, ist uns außer einem Leichenprogramm Melanchthons keine Nachricht von ihrem Lebensende überliefert.

Ein exemplarischer Mensch

Nehmen wir unsere obige Frage noch einmal auf: Katharina von Bora – ein exemplarischer Mensch? Nach allem, was wir wissen können, war Katharina sicher keine Heilige im Sinne eines überhöhten kirchlichen Tugendideals. Katharina besaß charakteristische Stärken und Schwächen. Vielleicht ist sie uns gerade deshalb nahe.

Drei Wesenszüge, die mir aufgefallen sind, möchte ich abschließend hervorheben:

1) Die starke Katharina. Katharina war, wie wir gesehen haben, eine Frau, die wußte, was sie wollte, eine Frau von gesundem Selbstbewußtsein. Sie hielt auf sich, und das nicht erst als Frau Luther, sondern bereits vom adeligen Elternhaus her. Auch Luther hat die Erinnerung an ihren Familiennamen bewahrt. Katharina ging nicht einfach in der Lutherin auf. Die Grundstückskäufe, die sie tätigte und die doch die Grenze des ökonomisch Vernünftigen überschritten, hatten nicht zuletzt die Funktion, angesichts der verarmenden Verwandtschaft die Familienehre zu retten. Es war Katharina, die den Martin Luther erwählte. Sie hat diese Ehe zuwege gebracht und scheint sie auch im doppelten Sinn des Wortes geführt zu haben: Zwar stellt Katharina das herkömmliche Rollenmuster der „Haus-Frau“ nicht in Frage, ließ sich aber innerhalb dieser Rolle von ihrem berühmten Ehemann auch nicht an die Wand drängen. Insofern kann man sie durchaus als eine emanzipierte Frau bezeichnen. Auf Außenstehende konnte freilich eine solche Haltung leicht als stolz und eingebildet wirken.

2) Die kluge Katharina. Katharina hatte in ihrer klösterlichen Zeit ein großes Praxiswissen in Sachen Hauswirtschaft, Garten- und Ackerbau sowie Viehhaltung erworben. Außerdem hat sie sich in einem beachtlichen Maß für die geistige Welt ihres Mannes interessiert. Sie hat von theologischen Fragen nicht nur gehört, sie hat sich offenbar auch mit ihnen auseinandergesetzt. Zur Klugheit Katharinas rechne ich zudem die emotionale Intelligenz, die Fähigkeit zu menschlicher Wärme und Einfühlung. Diese Seite läßt sich aus den Quellen freilich mehr erahnen als belegen. Das ist kein Wunder: Was uns von Katharina überlieft ist, haben uns überwiegend Männer überliefert – und Männer lobten an Frauen nicht nur damals gerade das, was ihnen als männliche Tugend erschien.

3) Die fromme Katharina. Katharina ist eine lebendige Illustration evangelischer Ethik. Wenn Luther die täglich anfallenden Arbeiten im Haus und Garten als die Werke beschreibt, die Gott von uns haben will, wenn er den alltäglichen Lebensvollzug, das, was sich im Grunde von selbst versteht, als die von Gott gestellte Aufgabe erkennt, so dürfte ihm Katharina dabei vor Augen gestanden haben – „der Morgenstern zu Wittenberg“, der in der „Herrgottsfrühe“ mit der Arbeit in Haus, Feld und Garten begann, um die tägliche Ernährung der Großfamilie und Burse zu sichern. Daß nicht mehr Wallfahren oder Geloben, sondern Ackern, Backen, Kehren, Waschen u.s.w. die eigentlich guten Werke seien – Katharina lebte es. Gerade darin erwies sich ihr Glaube. Sie widerlegt die immer wieder geäußerte Ansicht, lutherischer Glaube gelange nicht mehr zum Christentum der Tat. Und gerade deshalb kann man sie durchaus als einen exemplarischen Menschen, – wenn Sie so wollen – als eine evangelische Heilige bezeichnen.

Literatur:

  • Bainton, Roland H.: Katharina von Bora, in: ders., Frauen der Reformation. Von Katharina von Bora bis Anna Zwingli. 10 Porträts, aus dem Englischen übersetzt und bearbeitet von Marion Obitz (GTB 1442), 3. durchgesehene Aufl., Gütersloh 1996, 17-37 (engl.: Women of the Reformation in Germany and Italy, Part I, Minneapolis 1971).
  • Brecht, Martin: Martin Luther, Bd. 2: Ordnung und Abgrenzung der Reformation 1521-1532, Stuttgart 1986.
  • Kroker, Ernst: Katharina von Bora. Martin Luthers Frau. Ein Lebens- und Charakterbild, 14. Aufl., Berlin 1977.
  • Kroker, Ernst: Luthers Werbung um Katharina von Bora. Eine Untersuchung über die Quelle einer alten Überlieferung, in: Lutherstudien zur 4. Jahrhundertfeier der Reformation, veröffentlicht von Mitarbeitern der Weimarer Lutherausgabe, Weimar 1917, 140-150.
  • Luther, Martin: Werke. Kritische Gesamtausgabe, Bd. 1ff., Weimar 1883ff. [WA] Briefwechsel, Bd. 1-18, Weimar 1930-1985 [WABr]. Tischreden, Bd. 1-6, Weimar 1912-1921 [WATr].
  • Mönchshure und Morgenstern: „Katharina von Bora, die Lutherin“ – im Urteil der Zeit, als Nonne, eine Frau von Adel, als Ehefrau und Mutter, eine Wirtschafterin und Saumärkterin, als Witwe, herausgegeben vom Evangelischen Predigerseminar Lutherstadt Wittenberg, Peter Freybe (Wittenberger Sonntagsvorlesungen), Wittenberg 1999.
  • Thoma, Albrecht: Katharina von Bora. Geschichtliches Lebensbild, Berlin 1900.
  • Treu, Martin: Die Frau an Luthers Seite. Das Leben der Katharina von Bora, in: Hahn, Udo/Mügge, Marlies (Hg.), Katharina von Bora. Die Frau an Luthers Seite (Quell Paperback), 2. Aufl., Stuttgart 1999, 12-31.
  • Treu, Martin: Katharina von Bora (Biographien zur Reformation), 3. Aufl., Wittenberg 1999.

 

Marcel Nieden

 


[1] Kroker, Katharina von Bora, 42.

[2] Kroker, Luthers Werbung, 142.

[3] Vgl. Bainton, 20.

[4] Kroker, Luthers Werbung, 143.

[5] WATr 2 Nr. 2772.

[6] Thoma, 181f.

[7] Bainton, 31. Vgl. WATr 2 Nr. 1461.

[8] WABr 11,284



<    Dezember 2017    >
MoDiMiDoFrSaSo
 1BergerBlechBläser2Ökum. Gottesdienst3Ökumenischer Familiengottesdienst
45Musikalischer Gottesdienst "Lust auf Kirche"
VCP Pfadinder
678BergerBlechBläser
Offenes Tanzen
9Aufbau Krippenausstellung
Ökum. Gottesdienst
10Gottesdienst m. A.
11Kirchenvorstandssitzung, öffentlich12Seniorenkreis
VCP Pfadinder
13Kunstwerk des Monats14Herbergssuche (ökumenisch-adventlicher Empfang der Madonna)15BergerBlechBläser16Kinderadvent
Ökum. Gottesdienst
17Gottesdienst
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1819VCP Pfadinder202122BergerBlechBläser23Abbau Krippenausstellung
Ökum. Gottesdienst
24Familiengottesdienst mit Krippenspiel
Christvesper mit den BergerBlechBläsern
Christvesper
Christmette
25Gottesdienst m. A.26VCP Pfadinder272829BergerBlechBläser30Ökum. Gottesdienst31Gottesdienst m. A.
Silvester-Straßenparty vor dem Pfarrhaus
Die nächsten Termine:

15.12.17, 19:00 - 20:30
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16.12.17, 14:30 - 17:30
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Katharina von Bora-Haus, Gemeindesaal

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Gottesdienst

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Andacht zum Friedenslicht

Katharina von Bora-Haus

23.12.17, 14:00 - 16:00
Abbau Krippenausstellung

Katharina von Bora-Haus, Gemeindesaal


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Herbergssuche

am 14.12.2017 im Katharina von Bora - Haus

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Seniorenkreis mit Prof. Harz: "Dem Volk aufs Maul schauen - Martin Luther als Sprachschöpfer"

am 12.12.2017 im Katharina von Bora - Haus

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Krippenausstellung

12.12.2017

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Mitarbeiteradventsfeier

am 4.12.2017 im Katharina von Bora - Haus

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Forum zu Gegenwartsfragen - 'Unser' Graf

am 30.11.2017 mit Prof. Dr. Dittmann und Prof. Dr. Fromm

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BergerBlechBläser

Probe am 24.11.2017

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Buß- und Bettag 2017

am 22.11.207 im Pfarrheim Höhenrain

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