Liebe Gemeinde!
Einen guten Rutsch ins neue Jahr wünschen sich heute viele Menschen. Was ist damit wohl gemeint? Heißt es, möglichst schnell ins neue Jahr zu kommen, ohne viel Nachdenken und Sorgen hinein zu rutschen? Mit einer Rutschpartie verbinden sich ja auch Bilder des unfreiwilligen Rutschens – die Autofahrer konnten in den letzten Tagen ein Lied davon singen - und das ist bestimmt nicht gemeint. Weiter kommen wir, indem wir erfahren, dass dieser Wunsch ursprünglich aus dem Jüdischen stammt: Rosch ha schana heißt das jüdische Neujahrsfest. Rutsch kommt also von Rosch. Der Wunsch gilt dem Anfang des Neuen Jahres: er möge sich freundlich zeigen, gute Perspektiven anbieten und Mut machen, sich auf dieses Neue einzulassen. Noch deutlicher wird es, wenn wir bedenken, dass „Rosch“ im Hebräischen das Haupt, der Kopf ist: Das neue Jahr möge uns freundlich ansehen, nicht finster und verschlossen, sondern mit einem offenen, Vertrauen erweckendem Gesicht. All diese guten Wünsche sind wie Wegweiser auf dem Weg, den wir noch nicht kennen. Und je unsicherer uns dieser Weg erscheint, desto mehr brauchen wir sie, die guten Wünsche und Zeichen des Vertrauens und der Zuversicht. Das, was wir bisher Gutes erlebt haben, das läßt uns erwartungsvoll auf die Zeit vor uns schauen – aber gleichzeitig wirft auch das Erschreckende im zurückliegenden Jahr seine Schatten auf den Weg in die Zukunft. Wenn schon das Bisherige an Gewalt und schlimmen Ereignissen unsere Vorstellungen überstiegen hat, mit was müssen wir dann wohl künftig rechnen? All die guten Wünsche, die wir einander sagen, sollen uns da wenigstens ein bißchen Sicherheit und Zuversicht geben.
Das Gesicht des Neuen Jahres weist uns im biblischen Sinn nicht auf den Zufall oder das Schicksal, sondern auf Gott als unser Gegenüber. Dass wir uns viel Gutes wünschen ist das eine – dass unsere Wünsche noch eine andere Bedeutung und anderes Gewicht finden, indem wir sie unter Gottes Segen stellen, ist das andere. Gottes Segen für uns bedeutet, dass wir nicht nur mit unseren eigenen guten, wohlmeinenden Gedanken nach vorne schauen, sondern dass wir uns mit ihnen Gott anvertrauen. Gott segne uns, das heißt so viel wie: Gott lasse uns Gutes zukommen, das über unsere begrenzten menschlichen Möglichkeiten und Sichtweisen hinaus reicht. Was ist mit diesem Guten gemeint? Es hat mit der Begleitung zu tun, die Gott uns in seinem Segen anbietet. In vielen Bildern kommt dies zum Ausdruck: Gott ist wie die Hand, die uns hält, wie ein Schirm, der uns vor Sonne wie Regen schützt, wie ein Licht, das uns den Weg zeigt. All diese Bilder, die uns Gottes Begleitung verdeutlichen, schöpfen wir aus der Bibel und aus den Erfahrungen, die Menschen früherer Zeiten mit Gott gemacht haben..
In dieser Tradition stehen auch die Jahreslosungen für jedes Jahr. Auch diese ausgewählten Worte der Bibel wollen unsere Gedanken, Vermutungen, Befürchtungen und Hoffnungen, all unsere guten Wünsche, die wir auf das neue Jahr richten, hinein nehmen in die Beziehung zu Gott. So sollen sie uns zum Segen werden. Die Jahreslosung für das Jahr 2002 steht im Jesajabuch im 12 Kapitel:
„Ja, Gott ist meine Rettung; ihm will ich vertrauen und niemals verzagen.“
Dieses Wort hat mich gleich unmittelbar angesprochen. Angesichts all des Bedrohlichen, das von den zurückliegenden Monaten her ins neue Jahr hinein ragt, spricht dieses Wort Mut zu. Auch wenn wir mit unserem Latein ans Ende kommen sollten, wenn niemand recht weiß, wie es sinnvoll weitergehen kann, dann wird uns die Beziehung zu Gott und das Vertrauen auf ihn immer noch Möglichkeiten zum Weitermachen geben. Dann ist die Kraft seines Segens für uns noch lange nicht erschöpft und aufgebraucht. „Ja, Gott ist meine Rettung; ihm will ich vertrauen und niemals verzagen.“ – Aus diesen Worten spricht Zuversicht, mit diesem Rückhalt auf die Herausforderungen des neuen Jahres zuzugehen.
Wie kam der Prophet Jesaja zu diesem Wort? Wie hat bei ihm die Begleitung durch Gott ihren Ausdruck gefunden? An dreierlei Erfahrungen des Jesaja im Laufe seines Lebens möchte ich dies verdeutlichen. Es sind alles Erfahrungen, die m.E. auch für uns heute aktuell erscheinen.
- Da ist zuerst der mahnende Prophet: Unheil zeichnete sich damals in Israel, mehrere Jahrhunderte vor Christi Geburt ab. Eine neue Großmacht war im politischen Gefüge erschienen, und das bedeutete Bedrohung des eigenen Staates. Jesaja predigte in dieser Zeit gegen soziale Missstände, gegen Unrecht und Machtmissbrauch im eigenen Land. Er wetterte dagegen, dass die Reichen auf Kosten der Armen immer reicher wurden, dass die Habgier der Reichen die sozial Schwachen ins Elend trieb. „Schafft Recht“, mahnte er, „denen, die keine Macht haben, um ihrem Wunsch nach menschenwürdigem Leben Geltung zu verschaffen!“ Das waren keine erbaulichen Segensworte – das war der deutliche Hinweis darauf, wie durch die Besitzgier der Mächtigen der Segen für alle beschädigt und zerstört wurde. Es hat keinen Sinn, in feierlichen Gottesdiensten Gottes Segen zu erflehen, meinte Jesaja, wenn zugleich die politisch Ohnmächtigen von ihm ausgeschlossen werden. Man kann nicht um Gottes Segen bitten und gleichzeitig Menschen von dem fernhalten, was sie zum Leben brauchen. Und Jesaja scheute sich nicht, die Zusammenhänge im Inneren der Gesellschaft mit den äußeren Bedrohungen in Zusammenhang zu bringen: Wo der Friede im Inneren der Gesellschaft durch Ungerechtigkeit zerstört wird, da wird die Zerstörung durch die Mächte von außen folgen.
Auf Gottes Segenskraft vertrauen heißt also auch, kritisch darauf zu schauen, wie Menschen mit den Gütern des Lebens umgehen. Gerade zur Weihnachtszeit haben die Repräsentanten der Kirchen das Mitdenken mit den Schwachen und Machtlosen angemahnt: von den finanziell benachteiligten Familien in unserer Gesellschaft über den Umgang mit Flüchtlingen bis zu den Opfern des Kriegs in Afghanistan. Dabei geht es keineswegs um Besserwisserei in Bereichen, von denen die Theologen nichts verstehen, sondern um den biblischen Auftrag, genau hinzusehen, wo Menschen unter die Räder kommen. Vertrauen auf Gottes Segenskraft heißt auch, diejenigen nicht auszublenden, die am Rande stehen, wenn es darum geht, das Wohl im Land zu fördern. Auch das hat mit der Bitte um Segen zu tun. Unsere Gesellschaft und Politik braucht das kritische Mitdenken in diesem Sinne, das soziale Gewissen – nicht nur das der Leitenden in den Kirchen, sondern das möglichst vieler Christen.
- Wie ging es damals mit Jesaja weiter? Bald brach tatsächlich die politische Katastrophe herein, die sich abgezeichnet hatte. Das assyrische Heer hinterläßt eine breite Spur der Verwüstung. Und der Prophet Jesaja verstummt. Keine Rechtfertigung Gottes in dem Sinne, dass das Erlittene nun die Quittung für vorangegangenes Unrecht sei, keine theologischen Erklärungsversuche. Angesichts von Katastrophen solchen Ausmaßes gibt es nichts zu erklären. Auch wir haben in den zurückliegenden Monaten erlebt, wie hilflos mancherlei Schuldzuschreibungen waren, vom Versagen der Sicherheitskräfte bis zur Feindschaft gegenüber dem Islam, weil in ihm solche menschenverachtende Ideen entstanden sind. Aber solche schlimmen Ereignisse lassen sich nicht erklären. Die Frage bleibt trotzdem, wie solches Geschehen zusammenpaßt mit Gottes Segenszusagen. Hat es dann überhaupt noch Sinn, sich Gottes Segen anzuvertrauen, wenn so etwas passieren kann? Die Frage steht und bricht immer wieder auf - und sie läßt sich dennoch nicht zufriedenstellend beantworten. Gottes Segen ist keine Garantie für Wohlergehen. Gottes Segen verhindert katastrophale Einbrüche in menschliches Leben im Großen wie im Kleinen nicht. Dennoch gilt auch hier die Zusage von Gottes Begleitung. In all der Sprachlosigkeit und dem Aufgewühltsein angesichts des Schreckens war in der zurückliegenden Zeit auch die Erfahrung von Gottes Nähe da. In Zeichen und Gesten der Zuwendung und Verbundenheit, die Menschen einander gaben, konnten viele auch Gottes Zuwendung erleben. Dass dies auch zum Segen dazugehört, sagt uns auch einer der bekannten irischen Segenssprüche: „Nicht, dass von jedem Leid verschont du mögest bleiben, noch dass dein künft’ger Weg stets Rosen für dich trage und keine bitt’re Träne über deine Wange komme und niemals du Schmerz erfahren sollst. Mein Wunsch ist vielmehr dieser: Dass den Stürmen du standhältst und dass in Freud und Leid das Lächeln des menschgeword’nen Gottessohnes mit dir sei.
- In Judäa meldete sich damals nach der Zeit des Schweigens Jesaja wieder zu Wort: mit Bildern der Hoffnung, die in die Zukunft weisen. Wir kennen sie von den adventlichen Weissagungen her, die in der christlichen Überlieferung auf das Kommen Jesu hin gedeutet wurden. Aus dem abgeschlagenen Baumstumpf wird ein neuer Sproß hervorgehen. Neues wird geschehen. (Im Lied „Es ist ein Ros entsprungen“ wurde dieses Bild aufgenommen.) Mitten in der Finsternis wird ein neues Licht aufleuchten. Und in diesem Zusammenhang steht auch unsere Jahreslosung. Menschen werden neu sagen können: Gott ist meine Hilfe und Rettung; ich vertraue darauf und fürchte mich nicht! Die Beziehung zu Gott und die Kraft, die aus ihr erwächst, hat sich auch in den schweren Zeiten Jesajas und seines Volkes nicht erschöpft. Sie lebt wieder auf in kräftigen Bildern des Neuanfangs. Es muss nicht alles so weitergehen wie bisher, die alten Fehler müssen nicht wieder gemacht werden. Sondern Gottes Segen schafft Raum für Aufbrüche, die neue Perspektiven geben. Unsere Jahreslosung bedeutet dann auch: nicht zu verzagen und zu resignieren, wenn die alten, zerstörerischen Verhaltensmuster immer noch ihre Kreise ziehen, wenn Neuansätze und weiterführende Gedanken doch wieder in den alten Geleisen landen. Gottes Segensversprechen heißt auch: Nicht nur das Schreckliche übersteigt unsere Vorstellungen, sondern Gott wird uns auch Wege zum Guten zeigen, die jetzt noch außerhalb unseres Denkens liegen. Neues ist möglich, der Starrheit des Alten zum Trotz.
Freilich haben Segensworte keine Beweiskraft. Sie lassen sich nicht umrechnen in greifbare Maßeinheiten für Wohlergehen. Aber in ihnen steckt so viel Potential an Hoffnung und Zuversicht. Das neue Jahr muß nicht in den festgefahrenen Bahnen des alten bleiben. Das Neue muss nicht nur eine Neuauflage des Alten sein. Gott ändert die Vergangenheit samt ihren Konsequenzen nicht, aber Gott schenkt uns mit der Zukunft auch Gelegenheiten, in denen Neues entstehen kann und wird. Segen heißt, mit solchen Gelegenheiten zu rechnen und darauf zu bauen.
Laßt uns mit solchen Bildern und Erwartungen des Segens ich in das Neue Jahr gehen: Nicht dass alles so bleibt wie es ist; nicht dass alles reibungslos läuft, nicht dass alle Wünsche erfüllt werden – sondern dass Gott uns in Herausforderungen wachsen läßt, dass sein Segen weite Kreise ziehen wird, auch durch uns, und dass wir auch in schwierigen Situationen Gottes Nähe und Begleitung spüren können.
Amen.