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Liebe Gemeinde,
erinnern Sie sich an das letzte, wirklich gute, in die Tiefe gehende Gespräch? Solche Gespräche sind etwas Besonderes. So ein richtig gelungenes, gehaltvolles Gespräch behält man in Erinnerung, etwa als „geistvolles“ Gespräch, als eine Unterhaltung von besonderer Qualität, „in einem besonderen Geist“, wie wir sagen. Diese „geistvollen Gespräche“ zeigen uns, dass der Geist mit Kommunikation zu tun hat. Er schwebt oder wabert nicht irgendwo magisch herum, sondern wird konkret spürbar in der Beziehung von Menschen, im Gespräch, in der gelungenen Unterhaltung. Dass sie gelingt, dafür kann man einiges tun, etwa für ein passendes Ambiente oder eine gute Atmosphäre sorgen. Damit ist aber nicht garantiert, ob sich der „gute Geist“ im Gespräch, in der Beziehung auch tatsächlich einstellt. Wir verbinden daher mit der Vorstellung vom Geist immer auch das Wissen um seine Unverfügbarkeit. Weil er nicht verfügbar ist, weil das Geistvolle letztlich nicht in unserer Macht steht oder sich künstlich herstellen lässt, wünschen wir uns diesen Geist, bitten darum und hoffen, dass er gegenwärtig sei. Und ist er das in letzter Perspektive, dann ist er als „Gottes Geist“ zugegen.
Liebe Gemeinde,
erinnern Sie sich daran, als Sie das letzte Mal so richtig begeistert waren? Der Geist kommt gewissermaßen über einen, er bemächtigt sich meiner, nimmt mich in Beschlag, ja: ich bin „ganz hin und weg“, ganz und gar begeistert. Im Moment solcher Begeisterung lebt man ganz in diesem Geist, ist von ihm ganz bestimmt und ganz erfüllt. Das Eigenartige ist, dass man dabei einerseits ganz bei sich ist, und andererseits ganz außer sich!
Ganz bei sich, das können wir exemplarisch an Jesus selbst sehen. Jesus war nämlich so ein völlig Begeisterter, der ganz bei sich war, so, dass das auf die ersten Christen als messianisches Selbstverständnis und Vollmachtsbewusst-sein gewirkt hat bzw. so gedeutet wurde. Und der Funke dieser seiner absoluten Begeisterung sprang auf viele Menschen, die ihm begegneten, über, etwa bei den Heilungsgeschichten. Jesus war begeistert und begeisternd. Die Menschen um ihn wurden von ihm in seine Begeisterung und in seine Beziehung zu Gott als Vater hineingezogen. Und dann waren sie bei ihm und wie Jesus ganz bei sich selbst.
Mit Pfingsten hat sich sein Geist über den engsten Jüngerkreis hinaus auch auf die vielen verschiedenen Menschen aus aller Welt übertragen, die begeistert waren von ihm, ihm glaubten und an ihn. Und wie er an Gott als seinen lieben Vater im Himmel glaubte, so sie an auch ihren Vater im Himmel.
Auch diese Glaubens-Begeisterung hat etwas Unverfügbares an sich. Sie stellt sich wie von selbst ein, kann nicht künstlich hergestellt werden. Ja, Jesus zu glauben, ihm und seinem Vater im Himmel zu vertrauen, das ist auch für uns Heutige ein wahrhaft himmlisches Angebot, das man nicht ablehnen sollte.
Ganz bei sich, und doch auch ganz außer sich ist man, wenn man begeistert ist. Ganz außer sich. Wer begeistert ist, dem ist das anzumerken, der verlangt danach, es weiterzugeben. Der Inhalt, von dem man begeistert ist, ob das etwa die Nachricht von einem Neugeborenen ist, oder eine neue glänzende Idee, eine tiefe Einsicht - das bewegt einen so, dass man diese Bewegung weitergibt - und durch die Bewegung auch den Inhalt der Begeisterung. Und das pflanzt dann sich so fort, wohin und über wieviele – man weiß es irgendwann gar nicht mehr, man hat das auch irgendwann gar nicht mehr im Griff - der Geist, er weht, wie man dann merkt, wirklich, wo er will.
Ja, Begeisterung drängt zur Mitteilung. Begeisterung bringt in Bewegung, weil von dem, was einen begeistert, Kraft ausgeht und Dynamik – dynamis – „Kraft“ heißt der Geist auch gerne in der Bibel, hebräisch: ruach – Wind, Hauch, ja, der Geist weht, wo er will – aber nicht irgendwo. Es geht um ein zwischen-menschliches Beziehungsgeschehen beim Geist. Der Heilige, weil menschliche Möglichkeiten absolut und übersteigende, geheimnisvoll göttlich zu nennende Geist ist die Initialzündung, die Beziehung stiftet und Kommunikation in Gang setzt. Und dieses Geistgeschehen ist uns letztlich unverfügbar.
Liebe Gemeinde,
aus dem Geistvollen in einem Gespräch oder einer Begegnung und der ansteckenden Begeisterung entsteht wie von selbst „Gemeinschaft im Geist“. Das ist so, christlich, kirchlich, in allen möglichen und für unmöglich erachteten Lebensgemeinschaften, in den vielen Sozialverbünden, auch außerhalb der Kirche. Und zwar ist das so, weil der jeweils die Gemüter faszinierende Geist eine die Menschen verbindende Wirkung hat. Eine tief empfundene Verbundenheit ist zu verspüren, für die es zum Teil kaum Worte braucht: etwa mit einem anderen Menschen, in einer guten Ehe, in einer echten Freundschaft, wenn man sich wahlverwandt fühlt mit jemandem, wenn man miteinander „an einem Strang zieht“, wie wir sagen: in einem „Verein“, ob er eingetragen ist oder nicht, in der Gemeinde, ja, sogar in großen Religions-gemeinschaften und in der Kirche, obwohl man sich da gar nicht persönlich kennt. Da ist es der gemeinsame „Geist“, der die Gemeinschaft konstituiert und trägt. In ethischer Dimension heute gerne „Werte“ genannt, ist der Geist das Zeichen und die Triebfeder, das Konstituierende der Gemeinschaft. Davon werden wir getragen. Auch wir hier in unseren Kirchengemeinden vorort. Denn: Soviel wir alle für die Gemeinschaft, ein gelingendes Glaubens- und Gemeindeleben tun können und tun, es steht letztlich nicht in unserer Verfügungsmacht, ob das alles gelingt. Da ist der Geist auf die ihm eigene Art am Wirken, offensichtlich oder hoffentlich zum Guten.
Blicken wir noch über unsere Größenordnung hinaus: Letztlich meint das, was wir Christen das Reich Gottes nennen, die Vorstellung von der großen universalen Geistgemeinschaft, die, wie schon Jesus es in seinen Gleichnissen vom Reich Gottes immer wieder gepredigt hat, von uns Menschen nicht hergestellt werden kann, sondern - uns selbst unverfügbar - von selbst entsteht, wächst und sich geisthaft in den Menschen verbreitet. Ja, dieses endgültig-umfassende christliche Kommunikations-Reich Gottes ist nicht nur jeglicher menschlicher Machbarkeit entzogen, wir können auch gar keine angemessene Vorstellung davon entwickeln. Jesus selbst hat davon auch immer nur in Bildern gesprochen. Sein Lieblingsbild vom Reich Gottes war das große Gastmahl. Weswegen die Mahlfeier nicht nur ein Erinnerungs- oder Vergegenwärtigungsgeschehen ist, sondern zugleich auch immer die verinnerlichende Vorweg-Teilnahme, vor-läufige Teilnahme an dem, was wir Reich Gottes nennen, die relative Repräsentanz der die absoluten, letztgültigen, allumfassenden, christlich-ewigen Kommunikationsgemeinschaft.
Liebe Gemeinde,
der Geist lässt uns in seinen verschiedenen Erscheinungs- und Vermittlungsformen, etwa dem Geistvollen, der Begeisterung und der Gemeinschaft im Geist seine Gegenwart spüren. Geistbedingt finden wir Sinn. In ihm finde ich Sinn, indem ich finde, was mich trägt, was mich erfüllt. Was mir Orientierung bietet nicht nur mir, sondern – wenn ich es begeistert weitergebe - auch anderen. Oftmals können wir das gar nicht in Worte fassen, was wir meinen. Haben wir keine Sorge: der Heilige Geist wird für das Seine sorgen und für uns.
Denn im Erleben und im Tun, da sind wir auf geist-getragene, sinnstiftende Erlebnisse und Begegnungen angewiesen. In Gemeinschaften, in denen wir uns geborgen fühlen. Wo wir auch Halt und Trost finden. Wo wir uns beheimatet fühlen, weil wir so sein können , wie wir sind, auch mit unseren Schwächen, mit unserem Schmerz. Wo ich verstanden werde, mit allem Gelungenen in meinem Leben, aber auch mit meinen Brüchen und in allen Übergängen. Mit dem, was in mir abgestorben ist, mit dem, was gar nicht recht dazu zu passen scheint. Und mit dem, was sich ändert und sich ganz neu entwickelt – sich selbst so persönlich und in einer Gemeinschaft zu erfahren, heißt: über alle Differenzen hinweg, die man in sich trägt, sich als je neue Einheit zu erfahren, als sich entwickelnde Person und Persönlichkeit. Die geistige Verbundenheit von uns Einzelnen in der Gemeinschaft ermöglicht also, dass ich zu meiner eigenen inneren Einheit finden kann, weil ich merke, dass ich so angenommen werde, wie ich bin. Und so mich auch hinein geben kann in die Gemeinschaft.
Und das gilt nicht nur für mich. Das gilt auch für jeden anderen. Und so ist die Gemeinschaft im Geist gerade nicht eine Zwangsgemeinschaft von lauter Identischen, sondern eine Gemeinschaft derer, die ihre persönlichen Erfahrungen und Überzeugungen, ihren individuellen Glauben austauschen und einander aneinander teilhaben lassen: teilgeben und teilnehmen. Insofern bin ich in einer solchen Kommunikationsgemeinschaft im Geiste nicht eingesperrt, bevormundet, sondern frei und ich selbst.
Liebe Gemeinde,
wir reden ja an Pfingsten und überhaupt im Christentum und in der Kirche nicht von irgendeinem Geist, sondern vom Heiligen Geist, vom Geist Jesu Christi. Damit meinen wir den Geist, der von Jesus ausgegangen ist, zu seinen Lebzeiten als Geisttäufer, als Lehrer und als Vergebender, als Helfer und Heiler, als Beistand und Tröster. Nach Tod, Auferstehung und Himmelfahrt, also seiner endgültigen Vollendung bei seinem himmlischen Vater in Ewigkeit, wird Jesus Christus nach neutestamentlicher Überzeugung seither in der Welt vertreten und repräsentiert durch den Heiligen Geist. Dieser Geist ist hoffentlich in allen Kirchenleitungspersonen, ganz gleich auf welcher kirchlichen Unternehmens-ebene, aber auch und genauso in allen Christen am Wirken, in jedem von uns.
Wenn wir mit Jesu Worten und seinem Wirken an dieser oder jener Stelle etwas anfangen können, ihm glauben, ihn als maßgeblich für unsere Lebensführung und Lebensdeutung wahrnehmen und anerkennen. Wenn wir so Jesus als unseren persönlichen Christus erfahren und verstehen und mit ihm unser Leben und unser Schicksal bewältigen. Dann ist sein Geist ist am Wirken. Wenn wir in Jesu Sinne Orientierung zum hilfreichen, sozialen Handeln finden, dann ist sein Geist ist am Wirken. Wenn wir kirchliche Gemeinschaft erleben und praktizieren, dann ist sein Geist am Wirken.
So wie Jesus zu seinen Lebzeiten den Seinen ein Beistand und Tröster war, so ist es heute sein Heiliger Geist, der uns beisteht, orientiert und uns zusammen-hält als die eine große christliche Gemeinschaft der Gläubigen. Da ist Christi Geist am Wirken. Und zwar über alle Grenzen hinweg, alle Barrieren überschreitend - wie beim ersten Pfingstfest, das ganz von seinem Geist initiiert und getragen war.
Ja, es ist letztlich auch heute nicht unsere Veranstaltung, die in der Kirche abläuft, sondern die des Heiligen Geistes Jesu Christi selbst. Es sind auch nicht unsere Werke, Leistungen oder Eigenschaften, die das kirchliche Geschehen leiten. Denn das ist uns Menschen, auch den noch so Frömmsten unter uns letztlich nicht verfügbar, weil es Christi Geisteswerk ist.
Und wenn wir erfüllen, was beim Apostel Paulus alles aufgezählt ist, nämlich Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut, Enthaltsamkeit und Gerechtigkeit – dann sind das, wie Paulus es nennt, Gaben oder „Früchte des Geistes“, Geistgewirktes.
Das bedeutet im Umkehrschluss: Dass, immer wenn diese Dinge geschehen, ob wir es wahrnehmen oder gar nicht merken, der Heilige Geist am Wirken ist, an, in und durch uns, an, in und durch andere. In diesem Sinne ist unser Leben in alledem christlich begeistert und geistgewirkt in Gott geborgen.
Ich wünsche uns allen zu Pfingsten, dass wir begeistert sind und bleiben von Jesus Christus und in seinem Geiste jeder in seinen Milieus und Bezugsgruppen, seinen vielen kleinen Welten und Gemeinschaften und in der Kirche diesem Geist entsprechend mit den anderen umgeht.
Und ich wünsche uns allen, dass der Geist Jesu Christi als Beistand und Tröster gegenwärtig sei in guten und in bösen Tagen. Ja, mit Gottes Hilfe.
Amen.
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