Liebe Gemeinde,
einen weiten Bogen müssen wir heute in Gedanken spannen, um die vom Buch Josua angebrochene Zeit am Ende des z. Jahrtausends vor Christus, die Reformation im 16. Jahrhundert und unser Heute miteinander zu verbinden. Und dazwischen ist dann auch noch dessen zu gedenken, worauf sich die Reformation zurück besonnen hat. Aber trotz der gedanklichen Mühe lohnt es sich schon, diesen großen Bogen durch die Geschichte zu machen, damit wir besser sehen können, worauf wir uns besinnen sollten.
Zuerst also: Was ist damals unter Josua geschehen? Wir erleben eine Stammesversammlung in Sichern, dem heute palästinensischen Nablus, und die beschließt einen Gotteswechsel: Die ins Land Kanaan, das heutige Palästina, eingewanderten israelischen Stämme beschließen, fortan weder den aus dem Euphratgebiet mitgebrachten Göttern noch den im nun eroberten Land angetroffenen Göttern und Göttinnen dienen zu wollen. Ein anderer Gott soll es zukünftig sein. Seinen hebräischen Namen Jahwe gibt Martin Luther stets mit "der Herr" wieder. Er soll der eine Gott Israels sein, weil er, so glauben sie, die einzelnen Stämme Israels aus ihren bisherigen Gebieten heraus geführt, gesammelt und nach Palästina hinein geführt hat. Mose und Josua auf der einen Seite und der Gott Jahwe auf der anderen sind Partner geworden in der Heilsgeschichte, mit der die Bibel beginnt und die heute noch das Selbstverständnis der Juden und Israels prägt. Die 10 Gebote und die übrige Tora sind die Lebensgrundlage dieser Gemeinschaft zwischen Jahwe und Israel geworden. Damit grenzen sie sich gegenüber allen Nachbarn und Religionen bis heute ab. Fortan gehören Israel und sein Gott sowie das Land Palästina im jüdischen Glauben zusammen. "Ich und mein Haus", sagt Josua als erster, "wollen dem Herrn dienen". Die anderen stimmen zu. Auf diese Anfänge Israels berufen wir Christen und auch als Anfang unserer Gotteserfahrungen. Daneben gibt die es die andere Linie, von der wir so gut wie gar nichts wissen. Die führt über den anderen Abraham‑Sohn Ismael zu den Arabern und Muslimen. Und auch für sie ist dies angestammte Heimat. Die bis heute andauernden Kriege zwischen Israel und Arabern sind Bruderkriege seit dem.
Als Jesus Christus mehr als tausend Jahre später in die Geschichte hinein kommt geschieht Schritt für Schritt eine religiöse Revolution. Sie geht aus von jüdischem Gebiet und Glauben, Mut aber zu einer Spaltung, nach der es dran fortan neben dem jüdischen einen christlichen Glauben geben wird. Die große Erzählung, die eine der wichtigsten mit dem neuen Glauben verbunden Neuerungen beschreibt, ist die Pfingsterzählung. Sie wind von manchen auch die Geburtsgeschichte der Kirche genannt. Denn in ihr wird gesagt, dass das neue Gottesvolk derer, die sich zu dem auferstandenen Jesus Christus bekennen, ohne Rücksicht auf die völkische, kulturelle und religiöse Herkunft der Menschen gebildet wird. Buchstäblich "Kreti und Plethi" können und sollen nun Gotteskinder werden: Menschen aus aller Herren Länder. Der Glaube an Christus entscheidet allein.
Insofern gibt es durchaus Parallelen zur Geschichte von der Stammesversammlung in Sichern, wo ja auch über die alten religiösen und Stammes-Zugehörigkeiten hinweg eine neue Gemeinschaft von Gott und Gottesvolk gebildet worden war. Und dennoch: Seit Christus geht es nicht mehr darum, den einen Gott mit einem Volk und Land zu verbinden. Fortan sollte und durfte es eigentlich nie wieder dazu kommen, dass irgendein Volk oder irgendeine Nation Gott für sich allein beansprucht. Das neue Gottesvolk ist ein übernationales Volk aus unterschiedlichen Völkern. Schon die vier Evangelien im Neuen Testament spiegeln dies, dem ihre Unterschiede gehen auf die unterschiedlichen Herkünfte der Evangelisten zurück. Später tun es die unterschiedlichen Kirchen auf ihre Weise: die Orthodoxen im Osten und die Kirchen im Westen mit Rom als Mittelpunkt. Und dennoch leben sie alle von der Vision, dass alle Menschen, gleich welcher Nationalität und Rasse, geeint werden könnten durch den Christusglauben.
In der Reformation bricht dann eine neue religiöse Bewegung auf, und zwar innerhalb der Christenheit. Anstoß gibt die Erkenntnis der Reformatoren, dass Gott uns Menschen ohne Vorbedingungen liebt. Nun geht es nicht mehr um Vorgaben wie die Zugehörigkeit zu Völkern oder Rassen. Sondern nun geht es um alles, worauf wir vor Gott stolz sein wollten. Doch, so sehen die Reformatoren, vor Gott macht gar nichts, was wir Menschen von Hause aus sind oder erwerben und besitzen können, irgendeinen Eindruck. Um wirklich Christ sein zu können, muss man nur eins: glauben, dass Gott für uns ist. So, wie es Karl Barth im letzten Jahrhundert neu formuliert har: Glauben kann und darf man nur, dass Gott für uns ist. Denn das ist das Entscheidende, was es von Gott zu wissen gibt.
Das schließt ein: Alles, was wir Menschen Gott und Menschen schuldig geblieben sind, so sagen die Reformatoren mit Paulus, ist mit Jesu unschuldigem Tod bezahlt. Aus unseren Sünden und Schuldigkeiten darf niemand Kapital schlagen. Das ist die Mitte der Schrift: Gottes freie und gnädige Liebe zu ans. Dafür steht der Name Jesus Christus. Durch keinen Handel können wir Gottes Liebe für uns gewinnen. Es gibt nichts zu handeln. Denn Gott ist Liebe. Was soll Stolz, wenn doch alles Geschenk ist?
Die Reformation wollte eine innerchristliche Fehlentwicklung beheben: In ihr war aus der Frohbotschaftvom unbedingt liebenden Gott die Drohbotschaft von einem Gott geworden, vor dem man nur bestehen könnte, wenn man viele fromme Leistungen vorzuweisen hätte, die die Kirche festlegt. Solch ein Gott ließ sich gut missbrauchen als Machtinstrument einer Kirche, die sich längst als weltliche Herrscherin eingerichtet hatte. Und die mit dem Ablasshandel Kapital schlug aus Sünden Und Höllenangst. Das hat das Fass Zum Überlaufen gebrach. Gegen diese Verzerrungen Gottes ist Martin Luther mit den Weggenossen aufgestanden Gott sei Dank.
Fortan sollte jeder glauben und wissen, dass Gott ein offenes Ohr fier ihn, für sie hat. Weil Christus den Weg zu Gott geöffnet hat, steht niemand mehr zwischen Gott und uns. Priester und Priesterinnen dieses liebenden Gottes sind alle, die auf seinen Namen getauft worden sind und sich zu Christus halten. In den Pfarrerberuf kommt man nicht durch eine besondere persönliche Weihe, sondern durch die kirchliche Berufung ins Pfarramt.
Das aber ging vielen viel zu weit, besonders der römischen Kirchenhierarchie. Die Kirchenspaltung des 16. Jahrhunderts war unausbleiblich. Schlimm ist aber nicht nur die Spaltung selbst gewesen, sondern auch die andere Folge der Reformation: Dass sich nun wieder das alte Prinzip durchgesetzt hat, dass Land Volk und Glaube bzw. Konfession zusammengehören. Der Preis für den Westfälischen Frieden, mit dem 1648 der 30-jährige Krieg zu Ende ging (der zwei Drittel der Mitteleuropäer das Leben gekostet hatte), war die Regel: Cuius regio, eius religio: Die Menschen im Land mussten derjenigen Konfession folgen, die der jeweilige Landesherr gewählt hatte. Mit Spätfolgen, die wir noch heute in Nordirland, als blutigen Bürgerkrieg mit ansehen müssen, aber auch sonst in der schwierigen Geschichte und Landkarte Europa ablesen können, wunde der eine Gott in den politischen Partikularismus hineingezogen. Der Himmel wurde nach völkischen, nationalen und konfessionellen Grenzen auf der Erde zerteilt. Und die zentrale Bitte im Vaterunser wurde auf den Kopf gestellt: 'Wie auf Erden, so im Himmel'. Erinnert sei daran, dass noch im 1.Weltkrieg auf den Koppelschlössern deutscher Soldaten stand: "Mit Gott für Kaiser und Vaterland". So beteten die Deutschen zu Gott um den Sieg, wie es die Franzosen und anderen Kriegsgegner ihrerseits taten. Sie schickten Gott gegen Gott in den Krieg. Und in vielen Reformationsfeiern nicht nur der deutschen Kaiserzeit sind Martin Luther und Philipp Melanchthon zu deutschen Nationalheiden verkommen.
Leider sind das alles keine Dinge, liebe Gemeinde, die ganz und gar der Vergangenheit angehörten. Aber immerhin: Europa nimmt Gestalt an. Das ist das Eine. Darüber hinaus aber hat uns der 11. September wachgerüttelt, endlich mit allem Ernst wahrzunehmen, dass es da noch andere Spaltungen des einen Himmels und Gottes gibt. Sie reichen viel tiefer, als wir in Europa und Amerika offenbar bisher wahrhaben wollten. Und sie spiegeln, dass es noch immer kein friedliches Miteinander der Religionen gibt. Noch wirkt das Denkmuster nach, das uns so lange ausgereicht hat beim Betrachten der Welt: Hier sind die Christen, dort die Heider, und irgendwo dazwischen die Jeden. Und nun plötzlich schreien uns die ehemaligen Heiden an und sagen, dass sie die Gläubigen und wir die Ungläubigen seien. Mit einer Mentalität, die wir Christen in der Zeit der Kreuzzüge entwickelt haben, sagen die fanatischen Islamisten den Ungläubigen einen gnadenlosen Kampf mit allen Mitteln an. Schrecken breitet sich aus. Und wieder steht Gott gegen Gott. Christen und Muslime versuchen, Gott bei sich zu halten. Wie immer der Krieg in Afghanistan ausgehen wird: Der Himmel wird hinterher noch tiefer gespalten sein, und die irdischen Gräben zwischen islamischer und christlicher Welt werden noch tiefer reichen
Und doch gibt es nur einen Gott. Und es gilt: Gott ist Liebe. Reformation tut not. Wir müsse Gott seine Gottheit wieder lassen. Vergeltungswünsche, Rachegefühle sind verständlich, sind menschlich. Aber sie lassen sich mit Gott nicht verbinden, für sie kann man sich auf Christus nicht berufen. Wir müssen Gott freigeben aus den Gefangenschaften der Konfessionen und Religionen genauso wie aus den Gefangenschaften der Nationen und Rassen. Und wenn wir wollen, dass damit angefangen wird, müssen wir bei uns anfangen. Das schließt den radikalen Verzicht auf alle Gewalt gegen das Fremde ein. Es hätte kein Ostern für Jesus gegeben, wenn er sein Reich mit Waffengewalt hatte durchsetzen wollen.
Gott ist Liebe - oder er ist nicht Gott. Das ist die Wahrheit, die es auch für das Nebeneinander der Religionen zu bezeugen gilt. Liebe nimmt sich Zeit, nimmt den Anderen wahr, versucht zu verstehen. Schlimm ist, dass die Ausbildung der christlichen Pfarrer und Pfarrerinnen beider Kirchen bis heute nicht verbindlich vorschreibt, sich mit den heiligen Schriften der anderen Religionen auseinander zu setzen. Da wird so getan, als brauche uns das gar nicht zu interessieren, wie die anderen den einen Gott sehen und anbeten. Da wird noch immer so getan, als gehöre der Himmel ganz uns.
Gott ist Liebe. Gott hat alle geschaffen, will, dass allen zu einem Leben in Frieden geholfen werde. Es sind alles Gottes Kinder, weil er unser aller liebender Vater ist. Wir haben kein Vorrecht, kein Erstgeburtsrecht. Ist Gott Liebe, sind alle Anspräche hinfällig. Die Reformation, die auf uns wartet, braucht viel Zeit. Ohne Frieden zwischen den Religionen wird es keinen Frieden auf der Erde geben. Die neue Reformation braucht viele, die ihr vorangehen und ähnlich, wie Josua damals gesagt hat, heute sagen: Ich will dem Gott dienen, der Liebe ist und selbst die letzte Grenze der Menschen, den Tod, überwunden hat. Dafür sollen wir uns auf Christus berufen und alle Angst fahren lassen.
Predigttext:
Prof. Dr. Klaus-Peter Jörns, Reformationstag 2001
Thema: Josua 24, 1-4a, 13-15.24
Evangelisch - Lutherische Kirchengemeinde Berg
Gemeindezentrum - Fischackerweg 10 - Katharina von Bora-Haus
|
|
|
|